Migran­ten­ta­ge­buch, drit­ter Ein­trag: „Schwarz & Weiß“

Wie kann ich zu einer Welt gehö­ren, in der die Men­schen auf zwei Haut­far­ben redu­ziert wer­den?

Wenn du dich ent­schei­dest zu gehen, machst du einen bewuss­ten Schritt, deine alte Welt zu töten, und gibst dei­nem Geist einen neuen Weg. Die Farbe der alten Welt wird im Laufe der Zeit ver­blas­sen, und die Merk­male des neuen Weges wer­den im Gegen­zug deut­li­cher. Du ver­suchst, wei­ter dazu­zu­ge­hö­ren, dich in dem neuen Weg zu „inte­grie­ren“, aber du kannst es nicht ganz schaf­fen, denn es gibt Dinge, die zwi­schen den zwei Wel­ten hän­gen blei­ben. Sol­che Dinge gewin­nen jedes Mal an Bedeu­tung, beson­ders in dem Moment, in dem du dir vor­stel­len kannst, dass du unter ihnen kein Frem­der mehr bist.

Der schwarze Mann im Kel­ler: Nach lan­gem Suchen nach einem war­men Zuhause, um dem Win­ter der kal­ten Stadt zu ent­flie­hen, traf ich eine alte Frau, die nach einer Mit­be­woh­ne­rin suchte, um die Ein­sam­keit in ihrem gro­ßen Haus bewäl­ti­gen zu kön­nen. In unse­rem ers­ten Gespräch zeigte die Frau gro­ßes Inter­esse, das Leben auf der ande­ren Seite des Mit­tel­meers zu ent­de­cken. Sie fragte mich nach dem Sand auf den Stra­ßen unse­res Lan­des, nach den Kame­len als Ver­kehrs­mit­tel sowie nach den wil­den Nil­kro­ko­di­len. Sie war ein­ver­stan­den, mich in einem Zim­mer in ihrem Haus woh­nen zu las­sen. Als Gegen­leis­tung dürfte ich nie­man­den zu mir ein­la­den, müsste den Müll täg­lich raus­brin­gen, wöchent­lich das Haus put­zen und ihr monat­lich eine bestimmte Summe zah­len. Wie ver­ein­bart kehrte ich am nächs­ten Tag mit mei­nen Kof­fern und gro­ßer Hoff­nung zu ihr zurück. Ich klopfte an die Tür und war­tete lange, bis sie nur ein paar Zen­ti­me­ter ihrer Tür öff­nete. Sie ent­geg­nete ohne zu zögern: „Sie kön­nen bei mir nicht woh­nen. Meine Toch­ter hat Angst um mich vor den Schwar­zen“. Dann schloss sie schnell die Tür, bevor ich ihre Wör­ter ver­ste­hen konnte. Es war ein sehr kal­ter Moment – fast so als könne ich mei­nen Kör­per nicht mehr spü­ren.

Die­sel­ben Gefühle form­ten sich Jahre spä­ter, als ich auf dem Weg in den Kel­ler war und dabei zufäl­lig mei­nen Nach­barn im Auf­zug traf. Er erzählte mir scherz­haft, dass er als Kind Angst hatte, in den Kel­ler zu gehen, weil der schwarze Mann dort im Dun­keln auf die bösen Kin­der war­tete. Ich ver­stand sei­nen Witz nicht, aber ich habe ver­stan­den, warum die Rei­sen­den in öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln lie­ber auf Abstand von mir ste­hen blei­ben, als neben mir zu sit­zen.

Die weiße Faust: In einer kal­ten Win­ter­nacht, habe ich auf den Bus gewar­tet, um nach Hause zu gehen. Die Stille beherrschte die Stra­ßen, nur das Gerum­pel eini­ger vor­bei­fah­ren­der Autos brach sie ab und zu. Diese Nacht scheint mir nebel­haft zu sein. In mei­ner Erin­ne­rung blieb sie nur ein ver­wirr­tes Bild von drei Män­nern und einer kla­ren wei­ßen Faust, die sich zusam­men­ge­zo­gen und blitz­schnell in meine Rich­tung bewegte. Sie sah zuerst klein aus, ver­grö­ßerte sich ganz schnell, bis sie an mei­nem Gesicht abstürzte. Ich erin­nere mich an den Krach des Schla­gens auf meine Brille sowie an das Geräusch des Stur­zes mei­nes Kör­pers auf den Boden. Ein paar Stun­den spä­ter ver­suchte ich, meine Augen zu öff­nen, um Ort und Zeit zu erken­nen. Alles war neb­lig. Ich sah nur die Farbe „weiß“, alles war weiß: die Wände, die Bet­ten, die Vor­hänge, sogar die Klei­dung von Ärz­ten und Pati­en­ten. Im Hin­ter­grund hörte ich leise Stim­men, ver­mischt mit dem Echo des Zie­hens von Bet­ten auf wei­chem Boden. Ich ver­suchte zu spre­chen, meine Stimme gehorchte mir nicht. Ich musste war­ten und die Tür des Zim­mers beob­ach­ten. Nach einer Weile betrat ein schwar­zer Mann leise den Raum und schob eine mit Rei­ni­gungs­mit­teln bela­dene Karre vor sich hin. Er leerte die Müll­ton­nen, bewegte sich stumm zwi­schen den bei­den Bet­ten, rei­nigte den Boden und ver­suchte, des­sen wei­ßen Glanz wie­der­her­zu­stel­len, der mit der Zeit ver­schwun­den war. Das kleine Mäd­chen, das die andere Pati­en­tin im Zim­mer besuchte, stellte sich vor ihn und sagte: „Was hast du getan, um so aus­zu­se­hen? Du bist böse.“ Meine Zim­mer­nach­ba­rin streckte schnell ihren Arm aus, zog das Kind vor dem Mann weg und begann, sie mit unkla­ren Wör­tern zu tadeln. Der Mann blieb ca. eine Minute ste­hen, ver­suchte die Wör­ter des Kin­des zu über­win­den, aber sein Herz konnte es nicht, er ver­suchte die Trä­nen sei­ner Ernied­ri­gung zu ver­ber­gen und eilte hin­aus. Dann hörte ich, wie das Mäd­chen ihrer Mut­ter ant­wor­tete: „Okay… keine Sorge, Mutti. Sie wer­den dich in einem ande­ren Zim­mer unter­brin­gen.“ Dann flüs­terte sie: „Sie ist auch eine der Bösen“. Ich spürte ihren klei­nen Fin­ger, als er auf mich hin­wies. Ich hatte keine Kraft, mich zu bewe­gen oder meine Trä­nen zu stop­pen. Ich spürte Schreie in mei­nem Her­zen, die bei­nahe in die Welt her­aus­platz­ten, und erkannte, wie sich mein Leben in eine Reihe ver­zwei­fel­ter Ver­su­che dazu­zu­ge­hö­ren und harte Momente der Schmer­zen ver­wan­delt hatte. Dazu gehört auch meine ewige Suche nach einer Ant­wort für die ver­wir­rende Frage: Wie kann ich zu einer Welt gehö­ren, in der die Men­schen nur auf zwei Haut­far­ben „Schwarz und Weiß“ redu­ziert wer­den?

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 01-02/2019.

Von |2019-06-11T09:30:15+02:00Januar 30th, 2019|Einwanderungsgesellschaft|Kommentare deaktiviert für

Migran­ten­ta­ge­buch, drit­ter Ein­trag: „Schwarz & Weiß“

Wie kann ich zu einer Welt gehö­ren, in der die Men­schen auf zwei Haut­far­ben redu­ziert wer­den?

Marwa Abidou
Marwa Abidou ist Theaterwissenschaftlerin mit zwei Doktorgraden im Fachbereich der Theaterwissenschaften und Performing Arts.