Migran­ten­ta­ge­buch, zwei­ter Ein­trag: „Klang des Stem­pelns“

Was bedeu­ten Ein­rei­se­stem­pel?

Alle Gren­zen, die ich in mei­nem Leben erlebt habe, blie­ben ver­schwom­men: die Grenze zwi­schen mei­ner Frei­heit und der Frei­heit der ande­ren, zwi­schen der Pri­vat­sphäre und der Öffent­lich­keit, zwi­schen Trau­er­trä­nen und Freu­den­trä­nen, zwi­schen Liebe und Hass, Traum und Rea­li­tät. Sogar die Grenze zwi­schen Tod und Leben. Nur die poli­ti­schen Gren­zen blie­ben klar, schwer und hart. Ihre Härte wurde inten­si­ver, sobald ich mich ihnen näherte und beson­ders als ich mich ent­schied, sie zu über­que­ren. Die Gren­zen haben sich ver­streut und fan­den sich in der Bru­ta­li­tät der Flug­hä­fen wie­der sowie an den Ein­gän­gen des Check­points, am Sta­chel­draht, an den Rän­dern der Mau­ern und vor allem an den Klän­gen des Stem­pelns. Nur sie kön­nen beschlie­ßen, wer die Grenze kreu­zen darf und wer nicht.

Die Abreise: Die Ent­schei­dung, meine Grenze hin­ter mir zu las­sen, zwang mich, andere Gren­zen zu über­que­ren und dem Klang der Grenz­stem­pel ent­ge­gen­zu­tre­ten. Ich nahm einen Kof­fer, viele Erin­ne­run­gen, schloss die alte Tür und beschloss, mei­nen Weg zu ver­las­sen, um einen ande­ren auf der ande­ren Seite des Mee­res zu begin­nen. Das Flug­zeug flog früh am Mor­gen vom Ost­ufer nach Wes­ten ab. Ich schaute aus einem klei­nen Fens­ter neben mir und ver­suchte mich von den Erin­ne­run­gen sowie von den alten Jah­ren zu ver­ab­schie­den. Ich fühlte den tie­fen Schmerz, als ob alle Seh­nen, die mich immer mit ande­ren Augen ver­bun­den hat­ten, abge­schnit­ten wur­den. Die­ser Schmerz, mein Ver­blas­sen von einem Ort zu akzep­tie­ren, an den ich seit Jah­ren gewöhnt bin. Ein Gefühl, wie der Angst zu gehor­chen oder die Fäden eines Trau­mes zu fan­gen, der allein die Regeln des Spiels beherrscht. Diese schreck­li­che Leere, die dich an dem Moment der Abreise kon­trol­liert, als ob alle deine Gefühle ent­zo­gen wären. Plötz­lich spürst du nichts mehr und erreichst den Null­punkt.

Ein­rei­se­stem­pel: Das Flug­zeug lan­dete. Ich ging in die fremde Ein­gangs­halle des Flug­ha­fens, stand ein paar Minu­ten vor den beweg­ten Bil­dern, die ich noch nie zuvor gese­hen hatte. Ich war leer von allem. Nur meine Hand­ta­sche, ein klei­nes Kis­sen mit dem Geruch von Hei­mat und etwas Geld in einer Wäh­rung, die ich noch nicht kannte. Dane­ben lagen Erin­ne­run­gen, die mir die Sinne voll­ge­stopft hat­ten, ohne sich zu erklä­ren. Ich befand mich in einer Menge von Men­schen. Sie stan­den in einer lan­gen Schlange und ich stand plötz­lich an ihrem Ende, da es kei­nen ande­ren Aus­weg gab. Nach einer Weile erreichte ich eine kleine Glas­kiste, in der sich zwei Män­ner befan­den, die nicht lächeln konn­ten. Einer von ihnen nahm mei­nen Pass und über­gab mir mit sei­nen Bli­cken eine nicht aus­ge­spro­chene Beschul­di­gung. Ich stand lange Zeit vor ihm und war­tete auf das Geräusch des Stem­pels. Er starrte mich mit kal­ten Bli­cken an, als ob er in meine Seele drin­gen wollte. Ich ver­suchte zu lächeln und ver­sagte. Ich fühlte mich, als ob jemand meine Seele, mein Selbst­ver­trauen stahl, war skep­tisch über den Ver­lauf mei­nes Lebens, über­prüfte schnell meine Geschichte, viel­leicht habe ich etwas began­gen, was auf­ge­fal­len war, und ver­suchte einige Erin­ne­run­gen zu sam­meln, aber sie rann­ten vor mir weg. Er gab mei­nen Pass dem ande­ren, nach­dem er ihn unend­li­che Male geprüft hatte. Er schob mich bei­seite und ver­gab die Stem­pel an andere Men­schen, ohne auf ihre Gesich­ter zu sehen. Nach lan­gem War­ten betrach­tete er mich still durch das Glas. Dann hörte ich den Klang des Stem­pels auf mei­nem Pass, der die Fol­ter been­dete und der Zeit befahl, sich wie­der zu bewe­gen.

Die Fremde: Ich eilte hin­aus, um mei­nen Kof­fer abzu­ho­len, alles, was ich von mei­ner Hei­mat noch hatte. Ich stand zögernd vor dem Kof­fer­band, hatte Angst, Erin­ne­run­gen von jeman­dem zu klauen, und Sorge, das letzte Stück „Hei­mat“ zu ver­lie­ren. Ich ver­folgte die frem­den Kof­fer, bis ich mei­nen fand. Dann warf ich mich über die Gren­zen des Flug­ha­fens, ohne ein Ziel zu haben und fragte mich: Wohin denn jetzt? Die Sprach­gren­zen began­nen sich aus­zu­drü­cken. Ein selt­sa­mes Gefühl, dass man sie spre­chen hört und nichts davon ver­ste­hen kann. Viele Sze­nen beweg­ten sich schnell vor mir, sodass ich sie nicht wahr­neh­men konnte. Sie starr­ten nur mich an, um mir zu ver­si­chern, dass ich »fremd« bin. Ich konnte nur mit einem Frem­den spre­chen, der meine Spra­che sprach. Meine Mut­ter bestand dar­auf, seine Tele­fon­num­mer in meine Tasche zu ste­cken. Es war Mit­ter­nacht und er reagierte auf mei­nen Anruf erst nach meh­re­ren Ver­su­chen. Er war genervt, da ich ihn auf­weckte. Nach­dem er mich erkannte und um meine Situa­tion wusste, beschloss er, einen Freund zu schi­cken, der mich mit dem Auto zur mög­li­chen Unter­kunft brin­gen sollte, weil er selbst hun­derte Kilo­me­ter von mir ent­fernt war. Ich musste auf einen ande­ren Frem­den war­ten und er musste mich erken­nen. Etwa eine halbe Stunde spä­ter kam ein wei­ßes Auto an und stand vor mir. Ein 60-jäh­ri­ger Mann stieg aus, öff­nete den Kof­fer­raum und deu­tete auf mei­nen Kof­fer. Ich lud mei­nen Kof­fer in den Kof­fer­raum. Er hat kein Wort mit mir gewech­selt, bis er auf die Auto­bahn fuhr. Ich ver­stand nichts von ihm, er ver­stand nichts von mir. Nach­dem wir anka­men, nahm ich mei­nen Kof­fer aus sei­nem Auto und folgte ihm, ohne zu wis­sen, wo ich hin­ge­hen sollte. Das Gebäude sah selt­sam aus, es war kein übli­ches Hotel. Ich sah viele Türen auf einem lan­gen, dunk­len Flur. Er öff­nete eine davon, gab mir den Schlüs­sel, ließ mich allein im Raum und ging. Am frü­hen Mor­gen öff­nete er ohne Erlaub­nis mein Zim­mer und über­querte plötz­lich meine per­sön­li­che Grenze ohne Respekt. Ich erin­nere mich an sei­nen nack­ten Kör­per, der auf mein lee­res Herz fiel, sowie an sei­nen üblen Geruch, der sich mit altem Alko­hol mischte. Ich kämpfte gegen ihn mit allen mei­nen Kräf­ten, da ich kei­nen Stem­pel von ihm bekom­men wollte. Ich trug meine Sachen und ging dies­mal ohne Stem­pel zu der wei­ten frem­den Straße zurück.

Klang der Leere: Viele Jahre mei­nes Lebens ver­gin­gen auf dem West­ufer des Mit­tel­mee­res, beglei­tet von Klän­gen des Stem­pelns. Die Stem­pel der Aus­län­der­be­hörde erlaub­ten mir, län­ger zu blei­ben. Durch die Stem­pel in mei­nem Aus­weis erken­nen sie mich an und akzep­tie­ren mei­nen schwe­ren Namen. Gleich­zei­tig klan­gen die Stem­pel hef­tig auf mei­nem Herz und stärk­ten es, um die Last mei­ner Iden­ti­tät ertra­gen zu kön­nen. Die Stem­pel wur­den all­mäh­lich blas­ser, aber es blieb die Leere, die sie in mir erzeugt haben. Ich suchte nach den Über­res­ten mei­ner Gefühle, die aus Angst vor die­sen Klän­gen ver­schwan­den. Dann begann meine Reise, andere Gren­zen zu über­schrei­ten, die nicht auf den Kar­ten gezeich­net waren.
In mir flüs­terte eine Stimme: „Warum kommt all die­ser Schmerz zu dir, wenn die Klänge des Stem­pelns zu hören sind? Warum gra­ben die Stem­pel all diese tie­fen Wun­den in dir? Schließe bitte deine Augen und lass sie dein lee­res Herz ver­sie­geln, damit du auf die­ser Seite des Mee­res blei­ben kannst. Schließe bitte deine Augen, damit du die Gesich­ter der Wäch­ter nicht siehst, wenn sie in deine mensch­li­chen Gren­zen ein­drin­gen oder deine Mensch­lich­keit steh­len wol­len. Du musst die Strafe akzep­tie­ren, weil du die größte Sünde began­gen hast, als du auf der ande­ren Seite des Mee­res gebo­ren wur­dest!“

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 6/2018.

Von |2019-06-17T10:35:53+02:00November 8th, 2018|Einwanderungsgesellschaft|Kommentare deaktiviert für

Migran­ten­ta­ge­buch, zwei­ter Ein­trag: „Klang des Stem­pelns“

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Marwa Abidou
Marwa Abidou ist Theaterwissenschaftlerin mit zwei Doktorgraden im Fachbereich der Theaterwissenschaften und Performing Arts.