Uns steht ein Mara­thon bevor

Aus jüdi­schen Erfah­run­gen ler­nen

Flücht­lings­wel­len, Inte­gra­tion, Anti­se­mi­tis­mus, Wer­te­ver­mitt­lung u.v.m. sind The­men des Gesprä­ches zwi­schen Josef Schus­ter und Hans Jes­sen.

Hans Jes­sen: Herr Schus­ter, Sie sagen, die Jüdi­sche Gemein­schaft habe mit Inte­gration viel Erfah­rung, weil nach dem Zusam­men­bruch der ehe­ma­li­gen Sowjet­union über 200.000 soge­nannte jüdi­sche Kon­tin­gent­flücht­linge in Deutsch­land inte­griert wur­den. Lässt sich das mit den Inte­gra­ti­ons­auf­ga­ben ver­glei­chen, vor denen Deutsch­land und auch die Jüdi­sche Com­mu­nity jetzt ste­hen?

Josef Schus­ter: Ja und nein. Sicher­lich war es eine Mam­mut­auf­gabe. Die Zahl von 200.000 schließt die nicht­jü­di­schen Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen ein, die auch in die Gesell­schaft inte­griert wer­den muss­ten. Die jüdi­schen Gemein­den Deutsch­lands hat­ten zu Beginn der 1990er Jahre 30.000 Mit­glie­der. Sie stan­den vor der Auf­gabe, 200.000 Men­schen zu inte­grie­ren, die zunächst der deut­schen Spra­che fern waren und auch von ihrer Reli­gion sehr wenig wuss­ten. Man musste sie sowohl in die jüdi­sche Gemein­schaft und Reli­gion, als auch in die deut­sche Gesell­schaft inte­grie­ren. In Tei­len war das mit der heu­ti­gen Auf­gabe ver­gleich­bar. Es gibt jedoch einen ent­schei­den­den Unter­schied: Die jüdi­schen Zuwan­de­rer wuss­ten sehr wenig von ihrer Reli­gion, was in der Sowjet­union kein Wun­der gewe­sen ist.

Man musste sie an die Hand neh­men, um Wis­sen über diese Reli­gion zu ver­mit­teln und sie wie­der in diese hin­ein­zu­brin­gen. Jetzt haben wir es mit der Situa­tion zu tun, dass Men­schen nach Deutsch­land kom­men, die zum Teil stark vom Islam geprägt sind. Sie kom­men mit einer Reli­gion, die es in Deutsch­land zwar gibt, die aber in der Gesell­schaft nicht so weit ver­brei­tet ist. Man muss sie in eine Gesell­schaft inte­grie­ren, die zum Teil andere Wer­te­vor­stel­lun­gen hat, als sie es aus ihren Hei­mat­län­dern gewohnt sind.

Nun kommt für die Jüdi­sche Com­mu­nity hinzu, dass in vie­len isla­misch gepräg­ten Staa­ten Israel und das Juden­tum zum tra­di­tio­nel­len Feind­bild gehö­ren – Sie spre­chen von der Gefahr eines impor­tier­ten Anti­se­mi­tis­mus?

Ja, die Sorge habe ich. Das nehme ich dem Ein­zel­nen in kei­ner Weise übel. Wenn über Jahr­zehnte indok­tri­niert wird, dass Juden das Feind­bild, das Böse per se sind, dass Israel von der Land­karte völ­lig ent­fernt wer­den muss, dann wer­den sie diese Ein­stel­lung nicht ein­fach an der Grenze able­gen. Also geht es darum, die in Deutsch­land gel­ten­den Wer­te­vor­stel­lun­gen zu ver­mit­teln, gerade auch, was das Exis­tenz­recht Isra­els, die Schoah, und den Anti­se­mi­tis­mus angeht.

Sie haben gesagt, dass man Men­schen, die diese reli­giös-kul­tu­rell-poli­ti­sche Prä­gung haben, auch emo­tio­nal errei­chen müsse. Es würde nicht aus­rei­chen, ihnen die Werte und Nor­men vor­zu­set­zen. Und Sie mein­ten, das sei schwer. Worin liegt die Schwie­rig­keit, Flücht­linge aus ara­bisch gepräg­ten Län­dern, aus nord­afri­ka­ni­schen Län­dern emo­tio­nal zu errei­chen – gerade für Sie als Juden?

Betrach­ten Sie ein­fach das Zah­len­ver­hält­nis. Die jüdi­schen Gemein­den in Deutsch­land haben heute etwa 100.000 Mit­glie­der. Allein im Jahr 2015 sind rund eine Mil­lion Men­schen als Flücht­linge nach Deutsch­land gekom­men, davon ein Groß­teil Mus­lime. Ideal, um Vor­ur­teile abzu­bauen, ist gegen­sei­ti­ges Ken­nen­ler­nen. Wenn ein Mus­lim und ein Jude mit­ein­an­der ins Gespräch kom­men, gelingt es am ehes­ten, Vor­ur­teile abzu­bauen. Wenn mus­li­mi­sche Men­schen, gerade Jugend­li­che, nach einer ent­spre­chen­den Vor­be­rei­tung eine KZ-Gedenk­stätte besucht haben, kann man sie mit die­sem Thema ver­traut machen und Empa­thie erzeu­gen. Mit einer ein­fa­chen Text­seite im Schul­buch: „Was sind Juden und wo haben wir gemein­same Werte?“ gelingt so etwas deut­lich schwe­rer, wenn über­haupt.

Vor zwei Jah­ren haben Sie mit einem Inter­view ziem­lich viel Auf­se­hen erregt. Sie sag­ten, es gebe deut­sche Groß­stadt­be­zirke, wo man lie­ber nicht mit der Kippa auf dem Kopf her­um­lau­fen sollte. Ist nach Ihrer Wahr­neh­mung das Risiko von Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten mit der gro­ßen Zahl mus­li­misch gepräg­ter Zuwan­de­rer in den letz­ten zwei Jah­ren gewach­sen?

Eine Ver­än­de­rung die­ser Situa­tion ver­mag ich nicht zu erken­nen. Mein Satz gilt den­noch unver­än­dert wei­ter. Wenn ich als Jude Sorge haben muss, in ein­zelne, ins­be­son­dere mus­li­misch geprägte Stadt­vier­tel deut­scher Groß­städte zu gehen, dann ändert es wenig, ob jetzt hier mehr oder weni­ger Anti­se­mi­tis­mus herrscht. Wenn ich zum drit­ten Mal ange­pö­belt wurde, dann werde ich es wahr­schein­lich sein las­sen und nicht immer wie­der den glei­chen Weg durch das Stadt­vier­tel gehen, um zu gucken, ob ich dann nur ein­mal oder vier­mal der­glei­chen erlebe.

Sie spre­chen von impor­tier­tem Anti­se­mi­tis­mus. Gibt es in Deutsch­land aber nicht auch in den letz­ten Jah­ren das Wie­der­auf­le­ben eines Anti­se­mi­tis­mus – gerade bei denen, die sich als beson­ders deutsch füh­len und sich gegen mus­li­mi­sche Zuwan­de­rer wen­den? Sind das poli­tisch-kul­tu­relle Geg­ner, die im Anti­se­mi­tis­mus plötz­lich Ver­bün­dete wer­den?

Unzwei­fel­haft ist der rechts­ex­tre­mis­ti­sche und rechts­po­pu­lis­ti­sche Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land wei­ter­hin die grö­ßere Gefähr­dung als der mus­li­misch geprägte Anti­se­mi­tis­mus. Sicher­lich auch ein Grund, warum von rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­teien wie der AfD der Ver­such gemacht wurde, gezielt jüdi­sche Gemein­den und Men­schen zu umgar­nen nach dem Motto: Der Feind mei­nes Fein­des ist mein Freund.

Auf AfD-Lis­ten kan­di­die­ren auch Juden.

Dafür habe ich wenig Ver­ständ­nis. Aber Jude zu sein, bedeu­tet in der poli­ti­schen Ein­stel­lung gar nichts. Sie haben ein sehr brei­tes Spek­trum in ihrer poli­ti­schen Ein­stel­lung.  Ich bin jedoch davon über­zeugt, dass bei rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­teien, die zwar im Moment den Islam im Fokus haben, jede andere Min­der­heit – eben auch Juden – genauso in den Fokus kom­men würde, wenn es oppor­tun ist. Da soll man nicht kurz­sich­tig sein.

Wie sieht kul­tu­relle Arbeit im Ver­bund der Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten aus, wenn sie nach Inte­gra­tion strebt, auch mit dem Ziel gegen­sei­ti­ger reli­giö­ser Akzep­tanz und Gleich­be­rech­ti­gung? Sie haben im ver­gan­ge­nen Jahr gemein­sam mit den christ­li­chen Kir­chen und vier mus­li­mi­schen Ver­bän­den das Pro­jekt „Weißt du, wer ich bin?“ wie­der­be­lebt. Hat sich das Pro­jekt bewährt oder war es nur eine Ankün­di­gung?

Nein, das war nicht nur eine Ankün­di­gung, son­dern es ist ein Pro­jekt, das in die Tat umge­setzt wurde und sich als sehr posi­tiv erwie­sen hat. Ich hatte gesagt, wenn man sich gegen­sei­tig ken­nen­lernt, dann baut das Vor­ur­teile ab. Genau die­sen Weg gehen wir bei „Weißt du, wer ich bin?“. Es wer­den dabei inter­re­li­giöse Pro­jekte der Flücht­lings­hilfe finan­zi­ell geför­dert.

Anfang die­ses Jah­res sag­ten Sie in einer Rede vor dem Nie­der­säch­si­schen Land­tag in Han­no­ver, Sie sähen gerade bei jün­ge­ren Men­schen Defi­zite bei der Ver­mitt­lung von Wer­ten, die uns nach innen stär­ken. Was haben Sie damit gemeint?

Sowohl in Tei­len der deut­schen Gesell­schaft als auch in Krei­sen der Zuwan­de­rer fin­det unser deut­sches Wer­te­sys­tem nicht mehr die Beach­tung und Ach­tung, wie es eigent­lich der Fall sein sollte. Die Würde des Men­schen, die Gleich­be­rech­ti­gung von Mann und Frau, die Reli­gi­ons­frei­heit – das sind Werte, die in Tei­len der Gesell­schaft offen­bar nicht mehr den Stel­len­wert haben, den sie haben soll­ten.

Wir haben schon dar­über gespro­chen, was mus­li­mi­sche Zuwan­de­rer an Wis­sen, viel­leicht auch an Respekt, Akzep­tanz gegen­über der jüdi­schen Reli­gion und Kul­tur ler­nen müss­ten. Gibt es umge­kehrt auch eine Lern- und Inte­gra­ti­ons­not­wen­dig­keit, die aus Ihrer Sicht Men­schen jüdi­schen Glau­bens gegen­über mus­li­mi­schen Zuwan­de­rern ent­wi­ckeln müs­sen? Oder über­haupt gegen­über Mus­li­men, die in Deutsch­land leben?

Es wäre sicher­lich nicht rich­tig, ein­sei­tig zu sagen, nur Mus­lime hät­ten ein nega­ti­ves Bild von Juden. Ich glaube, dass es sehr wohl auch jüdi­sche Men­schen gibt, die mit zu viel Skep­sis Mus­li­men gegen­über­ste­hen. Hier spie­len Erfah­run­gen eine Rolle, die vor allem aus Israel kom­men. Viele haben Ver­wandte dort. Und eine Aus­ein­an­der­set­zung, wie wir sie in Israel über Jahr­zehnte ken­nen, hat nicht dazu bei­getra­gen, das gegen­sei­tige Ver­trauen zu stär­ken.

Bei der Frage „Was ist Inte­gra­tion?“ gibt es auch die These, dass Gesell­schaf­ten und Gemein­schaf­ten moder­ne­ren Typs nicht mehr so homo­gen, abge­schlos­sen und in sich kohä­rent seien, wie man das von frü­he­ren kennt, son­dern dass moderne gesell­schaft­li­che Iden­ti­tät ein Kon­glo­me­rat sehr ver­schie­de­ner Aspekte sei. Wie ver­trägt sich das mit der tra­di­tio­nell eher in sich geschlos­se­nen jüdi­schen Kul­tur? Oder stim­men beide Teil­bil­der nicht?

Von einer geschlos­se­nen jüdi­schen Kul­tur möchte ich nicht spre­chen. Allein des­halb nicht, weil Sie auch im Juden­tum völ­lig unter­schied­li­che Kul­tur­ele­mente fin­den, je nach­dem, wel­che Abstam­mung jemand hat. Viele jüdi­sche Zuwan­de­rer brin­gen ganz andere kul­tu­relle Tra­di­tio­nen mit, als ich sie von mei­ner Fami­lie kenne, die über Jahr­hun­derte im frän­kisch-hes­si­schen Grenz­ge­biet zu Hause ist. Inzwi­schen gibt es aber auch in unse­rer Fami­lie neue kul­tu­relle Ein­flüsse, weil die Eltern mei­ner Schwie­ger­toch­ter aus Marokko und Israel stam­men. Also es gibt nicht die jüdi­sche Kul­tur. Son­dern es gibt ganz ver­schie­dene Kul­tur­ele­mente, die sich zusam­men­ge­fun­den haben und noch zusam­men­fin­den. Ein ähn­li­ches Bild haben wir auch in der Gesamt­ge­sell­schaft. Die deut­sche Gesamt­ge­sell­schaft ist in kei­ner Weise homo­gen. Wenn man die Bevöl­ke­rungs­struk­tur der ver­gan­ge­nen 70 Jahre betrach­tet, dann hat sie sich, ganz unab­hän­gig von der Zuwan­de­rung mus­li­mi­scher Men­schen, sehr ver­än­dert.

Sie haben ein­mal aus dem Zwei­ten Buch Mose zitiert: „Einen Fremd­ling sollst du nicht bedrü­cken. Ihr wisst ja, wie einem Fremd­ling zumute ist. Fremd­linge wart ihr im Land Ägyp­ten“. Der Aus­zug der Kin­der Israel, die jüdi­sche Flucht­ge­schichte. Bedeu­tet das, dass Juden ein beson­de­res Ver­ständ­nis und eine his­to­ri­sche Fähig­keit haben, mit Migra­tion, mit Flücht­lin­gen, mit kul­tu­rel­ler Inte­gra­tion und Neu­an­fang umzu­ge­hen?

Da brau­chen wir gar nicht bis zum Zwei­ten Buch Mose zurück­zu­ge­hen. In vie­len jüdi­schen Fami­lien ist das Thema Flucht nun nichts Außer­ge­wöhn­li­ches. Wie viele jüdi­sche Men­schen hat­ten die Mög­lich­keit, nach der Macht­über­nahme der Nazis Deutsch­land ver­las­sen zu kön­nen? Sie waren nichts ande­res als Flücht­linge und kamen quasi mit dem nack­ten Leben davon. Mein Vater und meine Mut­ter kamen damals so in Paläs­tina an und muss­ten sich dort eine neue Exis­tenz auf­bauen.

Sicher­lich glaube ich, dass die Situa­tion nicht mit der der jet­zi­gen Flücht­linge aus den mus­li­mi­schen Län­dern eins zu eins ver­gleich­bar ist. Denn zum Bei­spiel kamen meine Eltern­teile in eine Region, die jüdisch geprägt war. Es wäre daher jetzt die Auf­gabe der mus­li­mi­schen Ver­bände und Gemein­den, die Men­schen, die nach Deutsch­land kom­men, hier aktiv zu inte­grie­ren. Das geht natür­lich nur, wenn diese Gemein­den sel­ber bereit sind, das deut­sche Wer­te­sys­tem als ver­bind­lich zu akzep­tie­ren. Lei­der ent­spricht die Pre­digt von man­chem Imam nicht dem, wie wir uns ein Zusam­men­le­ben vor­stel­len.  In eini­gen Moschee­ge­mein­den, vor allem unter dem Dach von DITIB, wird Hass gegen Juden und Israel ver­mit­telt. Wenn das auf deut­schem Boden geschieht, ist das für mich besorg­nis­er­re­gend.

Sie haben 2015, zu Beginn der gro­ßen Flücht­lings­be­we­gung, gesagt: „Uns steht ein Mara­thon bevor.“ Ein Mara­thon sind 42 Kilo­me­ter. Bei wel­chem Kilo­me­ter sind wir im Moment?

Ohne dass ich Ihnen jetzt eine Kilo­me­ter­an­gabe nenne – die Erfah­rung, die wir in den eige­nen Gemein­den gemacht haben, wenn es um Inte­gra­tion geht, ist: Sie gelingt voll­stän­dig erst in der zwei­ten oder drit­ten Genera­tion. Die Genera­tion, die ent­we­der als Kin­der nach Deutsch­land kam oder in Deutsch­land gebo­ren ist, die also jetzt 20 bis 35 Jahre alt ist, ist inte­griert, ohne Wenn und Aber.

Vie­len Dank.

Von |2019-08-10T13:05:39+02:00Juli 31st, 2017|Religiöse Vielfalt|Kommentare deaktiviert für

Uns steht ein Mara­thon bevor

Aus jüdi­schen Erfah­run­gen ler­nen

Josef Schuster & Hans Jessen
Josef Schuster ist Präsident des Zentralrats der Juden. Hans Jessen ist freier Journalist und Publizist. Er war langjähriger ARD-Hauptstadtkorrespondent.