Ger­ma­nija

Jüdisch und erwach­sen in Deutsch­land

Der 22-jäh­rige Sohn eines jüdi­schen Vaters und einer nicht jüdi­schen Mut­ter, ein Pere­stroika-Kind der spä­ten Sowjet­union, wachte 1991 im neuen Staat Ukraine auf und reiste im Dezem­ber 1993 nach Deutsch­land aus. Er hatte drei Taschen dabei, einige Bücher, dar­un­ter Schel­ling und Hei­deg­ger auf Rus­sisch – der junge Mann wollte in Deutsch­land Phi­lo­so­phie stu­die­ren. Der frisch geba­ckene jüdi­sche Kon­tin­gent­flücht­ling hatte auch ein Diplom als His­to­ri­ker in der Tasche. Er hat die Uni­ver­si­tät absol­viert und die libe­ra­len Glas­nost-Ideale auf­ge­saugt.

Der Kon­tin­gent­flücht­ling ver­brachte acht Monate in einem furcht­ba­ren Wohn­heim in Reut­lin­gen. Den rech­ten Flü­gel bewohn­ten die Viet­na­me­sen, den lin­ken die Juden. Inter­kul­tu­relle Kon­flikte gab es keine, manch­mal ver­schwand die bil­lige Wurst (Schwei­ne­fleisch, koscher kam viel spä­ter) aus den Eta­gen­kühl­schrän­ken, doch diese Pro­bleme waren eher intern ver­ur­sacht und nicht inter­kul­tu­rell. Auf dem Amt hing ein Pla­kat „Alle Men­schen sind Aus­län­der!“. Der Ein­wan­de­rer rea­li­sierte: Einige sind es doch noch mehr. Der junge Mann strebte ein wider­sprüch­li­ches Zwei­er­lei an, näm­lich: zurück, um das unter­ge­gan­gene Land zu ret­ten. Und nach vorne, um in Tübin­gen wei­ter­zu­stu­die­ren. Seine Frau, die acht Monate spä­ter kam – die Wie­der­ver­ei­ni­gung der Fami­lien ist eine recht wich­tige Insti­tu­tion für die neuen Deut­schen, auch für die heu­ti­gen Flücht­linge – plä­dierte klu­ger­weise für die zweite Vari­ante: die des Blei­bens. In Tübin­gen stu­dierte der Mann ost­eu­ro­päi­sche Geschichte und Phi­lo­so­phie. Er pro­mo­vierte. Das Bild Russ­lands hier ent­täuschte ihn. Der Kalte Krieg wurde aka­de­misch wei­ter­ge­führt, doch der Mann wollte seine libe­rale Sowjet­union zurück – nicht die Kri­tik des Sta­li­nis­mus. Der Mann wurde ein­sam. Er ließ sich tau­fen und inte­grierte sich zunächst in die rus­si­sche ortho­doxe Kul­tur­ge­mein­schaft. Sie kam ihm aber bald natio­na­lis­tisch und ebenso ver­lo­ren vor wie er sel­ber. Zu die­ser Zeit war Deutsch­land nach vier bis fünf Jah­ren das Land der Erwei­te­rung sei­ner Lebens­per­spek­tive, der nied­li­chen Berge und des feh­len­den Win­ters. Aber nicht das Land sei­ner Seele.

Irgend­wann, rea­li­sierte der Mann gegen Jahr­tau­send­wende, steht man etwas selt­sam da. Man kann nicht mehr zurück, die Sowjet­union exis­tiert nicht mehr, mit der Ukraine hat man nicht viel zu tun, in Deutsch­land fühlt man sich schlecht – als Migrant und als Frem­der. Und erst dann, ver­stand der Mann, fragst du, was du denn bist, wenn du ganz nackt und ganz allein dastehst? Dann kam bei ihm die ein­deu­tige Ant­wort: ein Jude. Diese Ant­wort führte dazu, dass der Mann sich ent­schloss, mit sei­ner Fami­lie die­sen Weg zum Juden­tum zu machen. Denn er war nicht mehr für sich allein ver­ant­wort­lich – der kleine Sohn war da und mit ihm die Frage: Wie soll er denn auf­wach­sen? Die im Kern are­li­giöse deut­sche Gesell­schaft gab die Ant­wort: „Lie­ber gar keine Reli­gion, plu­ral erzie­hen, den Rest wer­det ihr sehen“. Das war nicht die Ant­wort sei­ner Fami­lie, die sich für einen jüdi­schen Weg ent­schied. Hilf­reich war dabei die welt­of­fene, kapi­ta­lis­tisch-lite­ra­ri­sche Stadt Frank­furt, ihre jüdi­sche Gemeinde und die neuen Freunde. Wich­tig waren die Rei­sen nach Ame­rika und Israel, die eine bis­her unbe­kannte jüdi­sche Viel­falt öff­ne­ten und den Mann zwan­gen, sich mit Deutsch­land als sei­nem Land aus­ein­an­der­zu­set­zen. Denn die Frage „Wie hart hast du es als Jude in Deutsch­land?“ bekam er im Aus­land oft gestellt und musste sein neues Land, des­sen Pass er inzwi­schen besaß, recht­fer­ti­gen. Seine Eltern waren inzwi­schen auch da. Sie putz­ten Toi­let­ten auf Tank­stel­len. Zuge­ge­ben: nicht opti­mal für Inge­nieure, doch deut­lich bes­ser als allein in einer lee­ren Woh­nung zu sit­zen.

Es war auch eine Recht­fer­ti­gung Deutsch­lands nach innen ange­sagt: Die Genera­tion der 1968er hat dem Mann den Dis­kurs über das „Scheiß­land“ bei­brin­gen wol­len – er wollte und will die­sen Dis­kurs nicht zu sei­nem machen. Der Mann und seine Fami­lie such­ten und fan­den ihr Juden­tum und ihr Deutsch­land. Par­al­lel dazu suchte der Mann die Öffent­lich­keit, um die Geschich­ten der neuen deut­schen Juden zu erzäh­len. Er kura­tierte im Jüdi­schen Museum Frank­furt eine Aus­stel­lung „Aus­ge­rech­net Deutsch­land! Jüdisch-rus­si­sche Ein­wan­de­rung in die Bun­des­re­pu­blik“. Die neue jüdi­sche Gemein­schaft, zu 90 Pro­zent aus „Rus­sen“ bestehend, nannte er: „Deut­sches Juden­tum 2.0“. Es gab Kri­tik an die­sem Namen: „Nie wie­der kann sich ein Jude mit Deutsch­land iden­ti­fi­zie­ren“. Und was, wenn doch?

Anschlie­ßend kam der Mann nach Ber­lin, um für ELES, ein jüdi­sches Stu­di­en­werk, zu arbei­ten und den Sti­pen­dia­ten seine Erfah­run­gen wei­ter­zu­ge­ben und von ihren zu ler­nen.

Über Deutsch­land habe ich ein Buch geschrie­ben: „Ger­ma­nija. Wie ich in Deutsch­land jüdisch und erwach­sen wurde“. Wobei mir das Erwach­sen­sein im Titel und im Leben zen­tral zu sein scheint. Der Gedanke über die Not­wen­dig­keit eines ver­ant­wor­tungs­vol­len, „erwach­se­nen“ Agie­rens in der Gesell­schaft ist zugleich mein Bei­trag zum Thema kul­tu­relle Inte­gration. Denn irgendwo dort, wo man sich den Ande­ren öff­net und auch ihre Zunei­gung spürt, sind die Kon­tu­ren von einem schwie­ri­gen, schö­nen Etwas deut­lich zu ver­neh­men, das man die „Hei­mat“ nennt, ohne ein mul­mi­ges Gefühl beim Arti­ku­lie­ren die­ses Wor­tes zu bekom­men.

Von |2019-06-11T09:42:22+02:00März 14th, 2017|Religiöse Vielfalt|Kommentare deaktiviert für

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Jüdisch und erwach­sen in Deutsch­land

Dmitrij Belkin
Dmitrij Belkin ist promovierter Historiker und Referent beim jüdischen Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES) in Berlin. Er ist Autor von "Germanija. Wie ich in Deutschland jüdisch und erwachsen wurde" (Campus Verlag, 2016).