Was­ser­spa­rende Jecken

Eine regel­mä­ßige Besu­che­rin der Biblio­thek des Goe­the-Insti­tuts, eine Dame, die ursprüng­lich aus Aachen stammt und seit 1938 in Tel Aviv ist, erscheint immer in Beglei­tung ihrer phil­ip­pi­ni­schen Pfle­ge­kraft, um sich mit Lek­türe auf Deutsch zu ver­sor­gen. Vor Kur­zem jedoch, wie der Biblio­the­kar mir erzählte, kam die Pfle­ge­rin alleine. Sie gab die aus­ge­lie­he­nen Bücher und den Mit­glieds­aus­weis zurück. Die alte Dame war im Alter von 100 Jah­ren gestor­ben. Ich kannte die Dame nicht, und doch berührte mich der Bericht sehr. Denn er erin­nert an das lang­same Ver­schwin­den einer Genera­tion, die es, ob noch recht­zei­tig vor Aus­bruch des Krie­ges und der sys­te­ma­ti­schen Ver­nich­tung der Juden oder aber als Über­le­bende der Schoah, nach Israel schaffte.

Nach der Staats­grün­dung 1948 ergab sich in punkto deutsch­stäm­mige Juden in Israel – auch Jecken genannt – ein wider­sprüch­li­ches Bild. Einer­seits übten sie einen nicht unbe­deu­ten­den Ein­fluss auf Staat, Kul­tur und Gesell­schaft aus. Poli­ti­ker wie Josef Burg, Phi­lo­so­phen Samuel Hugo Berg­mann, Mar­tin Buber und Felix Wetsch, Künst­ler wie der aus Dres­den stam­mende Yigal Tumar­kin oder Schrift­stel­ler wie Max Brod ste­hen stell­ver­tre­tend für viele deutsch­stäm­mige Israe­lis im jun­gen Staat. Unter­des­sen muss man fest­stel­len: Die deutsch-jüdi­sche Sym­biose und Befruch­tung, wie sie in Deutsch­land vor 1933 exis­tierte, ließ sich nicht unbe­scha­det in die neue Kul­tur über­tra­gen. Viele der deut­schen Ein­wan­de­rer beherrsch­ten die hebräi­sche Spra­che nur unge­nü­gend und stan­den zudem unter ideo­lo­gi­schem Ver­dacht: „Kommst du aus Zio­nis­mus oder kommst du aus Deutsch­land?“ (higata me zio­nut o me Ger­ma­nia?), lau­tete eine häu­fig gestellte Frage. Hinzu kam noch, dass Deutsch in Israel als Spra­che der Täter ver­ständ­li­cher­weise ver­pönt und ver­hasst war. Viele Kin­der der Ein­wan­de­rer aus Deutsch­land lern­ten des­halb zu Hause nicht die Spra­che ihrer Eltern. Wohl spra­chen diese es unter­ein­an­der, aber mit den Kin­dern unter­hielt man sich auf Hebrä­isch. Das hat sich mitt­ler­weile deut­lich geän­dert. Eben jene Kin­der und Enkel sind es unter ande­rem, die am Goe­the-Insti­tut Deutsch ler­nen. Sie tun dies auch, weil sie sich „ihre Ver­gan­gen­heit zurück­ho­len“ wol­len. Die Nazis sol­len nicht das letzte Wort gehabt haben.

Das heißt natür­lich nicht, dass das deutsch-jüdi­sche Leben, wie es ins­be­son­dere in den 1950er bis 1970er Jah­ren das Land prägte, wie­der zurück­kehrte. Dies ist unwi­der­ruf­lich Geschichte. Vie­ler­lei Bei­spiele las­sen sich hier­für anfüh­ren. Auf den Punkt bringt es die große hol­län­di­sche Schrift­stel­le­rin Judith Herz­berg, die Anfang der 1990er Jahre einige Zeit in der Biblio­thek des Goe­the-Insti­tuts ver­brachte und spä­ter das fol­gende Gedicht ver­fasste:

Die im Gedicht erwähnte und unter Jecken tat­säch­lich sehr beliebte deutsch­spra­chige Zei­tung Israel Nach­rich­ten wurde vor fünf Jah­ren ein­ge­stellt – die Chef­re­dak­teu­rin und ein­zige feste Mit­ar­bei­te­rin war gestor­ben. Auch der Jeru­sa­le­mer Lyris-Kreis, eine Gruppe auf Deutsch schrei­ben­der Dich­ter in Israel, ver­lor im Som­mer 2014 sei­nen letz­ten wich­ti­gen Ver­tre­ter, den aus der Buko­wina stam­men­den Man­fred Wink­ler. Anti­qua­riate sind nicht mehr an deut­schen Rari­tä­ten inter­es­siert – das Ange­bot aus den auf­ge­lös­ten Nach­läs­sen ist rie­sig und die Nach­frage äußerst gering. Und die eige­nen Ver­an­stal­tun­gen führt das Goe­the-Insti­tut schon seit Lan­gem immer mit hebräi­scher Über­set­zung durch.

Andere Immi­gra­ti­ons­wel­len haben neue Sub­kul­tu­ren geschaf­fen, die das Ein­wan­de­rungs­land Israel präg­ten und wei­ter prä­gen. So wan­der­ten in den 1990er Jah­ren zwi­schen einer und andert­halb Mil­lio­nen rus­si­sche Juden ein. Schil­der in Geschäf­ten in rus­si­scher Spra­che sind inzwi­schen keine Sel­ten­heit mehr. In den letz­ten Jah­ren wie­derum hat als Reak­tion auf die ter­ro­ris­ti­schen Anschläge die Immi­gra­tion aus Frank­reich stark zuge­nom­men. Es gibt natür­lich auch eine Ein­wan­de­rung aus Deutsch­land, deut­sche Juden, die bewusst Aliya machen, oder Men­schen in deutsch-israe­li­schen Ehen. Für einen grö­ße­ren Teil der­je­ni­gen deut­schen Juden, die in der Zio­nis­ti­schen Jugend Deutsch­lands waren, gehört Israel frag­los zu den Refe­renz­punk­ten ihres Lebens. Einige leben per­ma­nent in Israel, andere pen­deln zwi­schen bei­den Län­dern oder sind zumin­dest häu­fig zu Gast. Von einem deutsch-jüdi­schen Leben im Sinne eines gesell­schaft­lich wahr­nehm­ba­ren Phä­no­mens zu spre­chen, wäre aber sicher­lich zu viel.

Es ist nur auf der Ober­flä­che ein Para­dox: In den 1950er bis 1970er Jah­ren, der Hoch­zeit des deutsch-jüdi­schen Lebens in Israel, waren die insti­tu­tio­nel­len Ver­bin­dun­gen zwi­schen Deutsch­land und Israel noch denk­bar gering. Heute hin­ge­gen gibt es eine Viel­zahl von Städ­te­part­ner­schaf­ten, wis­sen­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Koope­ra­tio­nen, Aus­täu­schen und poli­tisch-stra­te­gi­schen Alli­an­zen, wäh­rend das deutsch-jüdi­sche Leben selbst in Israel keine prä­gende Rolle mehr spielt. Geblie­ben ist unter­des­sen der Typus des Jecken. Ein gewis­sen­haf­ter, durch­aus auch peni­bler Mensch wird häu­fig als jeckisch bezeich­net. Vor Kur­zem gab mir ein israe­li­scher Freund zum Geburts­tag ein beson­de­res Geschenk. Es war ein klei­nes, unge­fähr 15 mal 10 Zen­ti­me­ter gro­ßes Hin­weis­schild, das er Ende der 1980er Jahre auf einer Bau­stelle in Tel Aviv gefun­den hatte. Dort hatte sich ein Hotel befun­den, das von Juden aus Deutsch­land nach dem Krieg auf­ge­baut und seit jener Zeit betrie­ben wor­den war. Nach­dem sie es alters­be­dingt auf­ge­ben muss­ten, wurde das Hotel abge­ris­sen. Das Schild war zwei­spra­chig, hebrä­isch und deutsch. Auf ihm stand: „Bitte Was­ser spa­ren und den Hahn gut schlie­ßen.“

Der Text ist zuerst erschie­nen in Kippa, Koscher, Klez­mer? – Dos­sier „Juden­tum und Kul­tur“.

Von |2019-06-17T11:00:42+02:00Januar 18th, 2017|Religiöse Vielfalt|Kommentare deaktiviert für Was­ser­spa­rende Jecken
Wolf Iro
Wolf Iro leitet das Goethe Institut in Tel Aviv und Jerusalem.