Bünd­nis der Mitte

Zusam­men­halt in Vielfalt

Bun­des­kanz­ler Fried­rich Merz hat in den letz­ten Wochen mit Bemer­kun­gen zum Stadt­bild für Auf­re­gung gesorgt. Erst ließ er ver­lau­ten, dass es Pro­bleme im Stadt­bild gäbe und wer dies nicht wisse, möge seine Töch­ter fra­gen. Dann stellte er den Zusam­men­hang mit Abschie­bun­gen her. Schließ­lich beklagte er sich über das Stadt­bild von Belem, dem Aus­tra­gungs­ort des Welt­kli­ma­gip­fels, einer Stadt im glo­ba­len Süden, gele­gen am Ama­zo­nas. Er bekannte, froh zu sein, wie­der in Deutsch­land zu sein, und das zuvor beklagte Stadt­bild in Deutsch­land schien ihm nun weni­ger pro­ble­ma­tisch zu sein.

Es ist nicht von der Hand zu wei­sen, dass es an vie­len Orten in der Welt sehr große Pro­bleme gibt. Kriege und die Kli­ma­ka­ta­stro­phe hin­ter­las­sen eine Spur der Ver­wüs­tung, quer über den gan­zen Glo­bus. Welt­weit hun­ger­ten im Jahr 2024 über 673 Mil­lio­nen Men­schen, das ent­spricht etwa 8,2 Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung. Im sel­ben Jahr wur­den welt­weit ca. 123 Mil­lio­nen Men­schen gewalt­sam ver­trie­ben, das heißt sie wur­den infolge von Ver­fol­gung, Kon­flikt, Gewalt oder Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen hei­mat­los. Über die letz­ten zehn Jahre muss­ten schät­zungs­weise 250 Mil­lio­nen Men­schen auf­grund kli­ma­be­ding­ter Kata­stro­phen ihre Hei­mat ver­las­sen. Das sind ins­ge­samt die wah­ren Gründe der Fluchtbewegungen.

Aber auch im Klei­nen, in den Städ­ten in Deutsch­land sind die Pro­bleme für viele spür­bar. Viele Innen­städte sind von Leer­stand und zuneh­men­der Ver­wahr­lo­sung geprägt. Viele Geschäfte in den Ein­kaufs­stra­ßen konn­ten dem zuneh­men­den Online-Han­del nicht stand­hal­ten, Geschäfts­auf­ga­ben sind die Folge, oft setzt sich damit eine Abwärts­spi­rale in Gang. Obdach­lo­sig­keit, auch von Men­schen aus EU-Mit­glied­staa­ten, die auf Arbeit und Wohl­stand in Deutsch­land gehofft hat­ten, wird sicht­ba­rer. Dro­gen­um­schlag­plätze und Ver­elen­dung von Süch­ti­gen prä­gen an man­chen Orten das Stadt­bild. Betrun­kene Fuß­ball­fans nach oder vor einem Spiel berei­chern ebenso wenig die Sicher­heit im Stadt­bild. Alles nicht neu, aber in den leer­ge­feg­ten Ein­kaufs­stra­ßen deut­lich sichtbarer.

Aber auch andere Pro­bleme bestehen, das Gefühl im eige­nen Land nicht zuhause zu sein. In man­chen Gegen­den Ber­lins zum Bei­spiel ist Eng­lisch inzwi­schen Ver­kehrs­spra­che gewor­den. Eigen­tü­mer von Geschäf­ten und gas­tro­no­mi­schen Betrie­ben sowie ihre Mit­ar­bei­ten­den spre­chen kein Wort Deutsch und hal­ten dies für selbst­ver­ständ­lich. Sie mei­nen, dass die Kun­din­nen und Kun­den sich anpas­sen müss­ten. Inge­nieure aus EU-Mit­glied­staa­ten, die 20 Jahre in Deutsch­land leben, deren Kin­der hier gebo­ren wur­den und zur Schule gehen, deren deut­scher Wort­schatz sich auf das Bestel­len von Bröt­chen begrenzt und die ansons­ten mit Eng­lisch bes­tens „durch­kom­men“, gehö­ren eben­falls zu jener Gruppe an „High Poten­ti­als“, bei denen man­gelnde Sprach­kennt­nisse die Poli­ti­ker weni­ger stö­ren als bei Geflüch­te­ten, die in Inte­gra­ti­ons­kur­sen Deutsch ler­nen. Die Elite in unse­rem Land glaubt ernst­haft, alle Men­schen könn­ten wie sie Eng­lisch spre­chen und hät­ten kein Pro­blem mit der, wie Wis­sen­schaft­ler es nen­nen, domä­nen­spe­zi­fi­schen Angli­sie­rung. Weit gefehlt.

Alles und noch viel mehr ist dazu geeig­net, den Volks­zorn hoch­ko­chen zu las­sen. Gerade wenn Poli­ti­ker, wie unser Bun­des­kanz­ler, dann auch noch mit sei­nen „Stadtbild“-Aussagen Öl ins Feuer gie­ßen, kann der Zorn schnell auch in Extre­mis­mus, gerade auch an den Wahl­ur­nen, umschlagen.

Doch füh­ren sol­che Dis­kus­sio­nen wei­ter? Ist es wirk­lich ziel­füh­rend, sich am Erre­gungs­wett­lauf zu betei­li­gen? Sollte es nicht eigent­lich viel mehr darum gehen auf­zu­zei­gen, wie der Zusam­men­halt in Viel­falt in unse­rem Land gelin­gen kann, und sicht­bar zu machen, wo er gelingt?

Damit das Zusam­men­le­ben und der Zusam­men­halt in Viel­falt gelin­gen, sind alle in Deutsch­land leben­den Men­schen gefor­dert. Die Mit­glie­der der vor fast zehn Jah­ren ins Leben geru­fe­nen Initia­tive kul­tu­relle Inte­gra­tion haben in ihren 15 The­sen „Zusam­men­halt in Viel­falt“ (kulturelle-integration.de/neufassung-der-15-thesen-zusammenhalt-in-vielfalt) for­mu­liert: „Die Men­schen in Deutsch­land wie in ande­ren Län­dern haben große Her­aus­for­de­run­gen zu bewäl­ti­gen. Die Aus­wir­kun­gen der Pan­de­mie der letz­ten Jahre, der fort­schrei­tende Kli­ma­wan­del, die Glo­ba­li­sie­rung und geo­po­li­ti­sche Ver­än­de­run­gen, die damit ver­bun­de­nen Migra­ti­ons­be­we­gun­gen sowie der Krieg in Europa und in vie­len Regio­nen der Welt ver­un­si­chern auch hier­zu­lande viele Men­schen. Bestehende Gewiss­hei­ten bre­chen weg. Ver­traute Gewohn­hei­ten wer­den zuneh­mend infrage gestellt. Allzu schnell wird dabei ver­ges­sen, wel­che Umbrü­che in Deutsch­land und Europa bereits gemeis­tert wur­den. Ziel des euro­päi­schen Eini­gungs­pro­zes­ses bleibt es, für ein demo­kra­ti­sches und fried­li­ches Europa ein­zu­tre­ten, das dem kul­tu­rel­len Aus­tausch dient. – Die Initia­tive kul­tu­relle Inte­gra­tion steht für eine Gesell­schaft, die vor­aus­schau­end Her­aus­for­de­run­gen annimmt, um sie gemein­sam zu gestalten.“

In der Initia­tive kul­tu­relle Inte­gra­tion arbei­ten 28 Insti­tu­tio­nen zusam­men: vier Bun­des­mi­nis­te­rien, die Kul­tur­mi­nis­ter­kon­fe­renz, die kom­mu­na­len Spit­zen­ver­bände, die Sozi­al­part­ner, die Kir­chen und Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten, die Medien und zivil­ge­sell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen. Ihre Arbeits­schwer­punkte unter­schei­den sich. Der Deut­sche Kul­tur­rat koor­di­niert die Arbeit der Initiative.

Die Mit­glie­der der Initia­tive sind nicht in jeder Frage einer Mei­nung. Was sie aber eint, ist die feste Über­zeu­gung, dass das Zusam­men­le­ben in Deutsch­land nur durch Zusam­men­halt in Viel­falt gelin­gen kann. Sie tei­len die Ein­schät­zung, dass in Deutsch­land vie­les zunächst unüber­wind­lich Erschei­nende dann doch gemeis­tert wurde, wie das Ankom­men vie­ler Flücht­linge in den Jah­ren 2015 und 2016. Sie wis­sen ebenso, dass so man­ches, was zunächst leicht und selbst­ver­ständ­lich erscheint, wie die Ver­ei­ni­gung der bei­den deut­schen Staa­ten, ein extrem müh­se­li­ger Weg ist, zu dem selbst 35 Jahre nach der staat­li­chen Ein­heit immer noch Ver­let­zun­gen, das Gefühl der Zurück­set­zung und Miss­ver­ständ­nisse gehö­ren. Sie tre­ten klar und unmiss­ver­ständ­lich für Mei­nungs­frei­heit ein und wen­den sich ebenso ent­schie­den gegen Hass und Hetze. Sie wis­sen um die Chan­cen der Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten, Dia­loge zu stif­ten und Brü­cken über Kon­fes­si­ons- und reli­giöse Gren­zen zu bauen und akzep­tie­ren ebenso das Tren­nende von Reli­gio­nen. Sie ver­trauen auf das gemein­same Mit­ein­an­der in der Kom­mune, am Arbeits­platz, im Netz­werk oder im Ver­ein. Ihnen ist bewusst, dass das Zusam­men­le­ben in einer viel­fäl­ti­gen Gesell­schaft anstren­gend sein kann, dass es Aus­hand­lungs­pro­zesse bedarf und vor allem die Bereit­schaft zum Kom­pro­miss. Das ist genau das Gegen­teil von Pola­ri­sie­rung. Es ist ein Ein­tre­ten für die breite Mitte der Gesell­schaft, die die Demo­kra­tie trägt. Die Initia­tive kul­tu­relle Inte­gra­tion ist ein Bünd­nis der Mitte.

Am 21. Mai 2026, dem Welt­tag der kul­tu­rel­len Viel­falt, ruft die Initia­tive kul­tu­relle Inte­gra­tion auf, ein Zei­chen für den Zusam­men­halt in Viel­falt zu set­zen. Jeder und jede kann sich an die­sem bun­des­wei­ten Akti­ons­tag betei­li­gen: als Bot­schaf­ter der Initia­tive kul­tu­relle Inte­gra­tion oder durch eigene Aktio­nen. Der Fan­ta­sie sind kaum Gren­zen gesetzt. Erste Anre­gun­gen sind auf der Seite der Initia­tive kul­tu­relle Inte­gra­tion unter kulturelle-integration.de/aktionstag-zusammenhalt-in-vielfalt zu finden.

Las­sen Sie uns zei­gen, wie unser Stadt­bild ist: unter­schied­lich, von Geschichte, Wirt­schaft und Kul­tur geprägt, gestal­tet von den Men­schen, die hier leben. Gemein­sam in aller Vielfalt!

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 12/2025.

Von |2025-11-27T12:10:23+01:00November 27th, 2025|Aktionstag-Veranstaltung, Demokratie, Kulturelle Vielfalt|Kommentare deaktiviert für

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Zusam­men­halt in Vielfalt

Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur.