Im Kreuz­feuer inter­na­tio­na­ler Propaganda?

Die ARD und die "Gast­ar­bei­ter­sen­dun­gen"

Als Anfang der 1960er Jahre der Kalte Krieg seine Hoch­phase erreichte, gehörte das Radio zu des­sen schärfs­ten Waf­fen. Eine Viel­zahl von Aus­lands­sen­dern strahlte über Kurz­wel­len Pro­gramme in den ver­schie­dens­ten Spra­chen aus, um die Vor­züge der „freien Welt“ oder des Sozia­lis­mus zu pro­pa­gie­ren. So gut wie jedes Land auf der einen oder der ande­ren Seite des Eiser­nen Vor­han­ges war an die­sem „Äther­krieg“ betei­ligt, die Bun­des­re­pu­blik mit der „Deut­schen Welle“ und dem „Deutsch­land­funk“.

Die ent­flam­mende Pro­pa­ganda zwi­schen West und Ost rief mit­un­ter bizarre Ereig­nisse her­vor. Wäh­rend des Baus der Ber­li­ner Mauer stell­ten die bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Behör­den fest, dass etli­che ita­lie­ni­sche „Gast­ar­bei­ter“ über­leg­ten, nach Ita­lien zurück­zu­keh­ren. „Radio Prag“, der Aus­lands­sen­der der dama­li­gen Tsche­cho­slo­wa­kei, hatte über sein ita­lie­nisch­spra­chi­ges Pro­gramm gemel­det, die Bun­des­re­pu­blik werde die Gren­zen schlie­ßen. Die Sen­dung war unter den Arbeits­mi­gran­ten beliebt, weil sie gute Musik aus­strahlte. Die Sen­dun­gen aus Ita­lien waren nicht zu emp­fan­gen. Bald sen­de­ten einige der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Rund­funk­an­stal­ten täg­lich kurze Sen­dun­gen in ita­lie­ni­scher Spra­che, um den Migran­ten die „rich­tige Sicht“ der Dinge zu erläu­tern. In den dar­auf­fol­gen­den Jah­ren wuchs der poli­ti­sche Druck auf die ARD-Anstal­ten, die Sen­dun­gen aus­zu­wei­ten, nicht nur für Ita­lie­ner, son­dern für sämt­li­che wich­tige Grup­pen der „Gast­ar­bei­ter“. Die west­deut­schen Behör­den wie auch die Regie­run­gen in den Her­kunfts­län­dern fürch­te­ten, dass die Migran­ten der „Ost­pro­pa­ganda“ zum Opfer fal­len könn­ten. Obwohl die ARD Aus­län­der nicht als eige­nes Ziel­pu­bli­kum betrach­tete, führte sie 1964 bun­des­weite Radio­sen­dun­gen in ita­lie­ni­scher, tür­ki­scher, grie­chi­scher, spa­ni­scher und ser­bo­kroa­ti­scher Spra­che ein, täg­lich eine Drei­vier­tel­stunde pro Sprachgruppe.

Ent­stan­den als Gegen­ge­wicht gegen die „Ost­pro­pa­ganda“, sahen sich die fremd­spra­chi­gen Radio­pro­gramme der ARD-Anstal­ten bald mit der Anschul­di­gung kon­fron­tiert, ein Boll­werk kom­mu­nis­ti­scher Ten­den­zen zu sein. Die grie­chi­schen Redak­teure, die im Baye­ri­schen Rund­funk die grie­chisch­spra­chi­gen Pro­gramme für sämt­li­che ARD-Anstal­ten pro­du­zier­ten, reagier­ten mit Empö­rung, als 1967 die Mili­tär­junta die Macht in Grie­chen­land über­nahm. Sie posi­tio­nier­ten sich in der Sen­dung mit deut­li­chen Wor­ten gegen das neue Regime. Ihr Enga­ge­ment steckte bald die spa­ni­schen Kol­le­gen an, die nun eben­falls die falan­gis­ti­sche Dik­ta­tur mit lei­den­schaft­li­chen Rede­bei­trä­gen hinterfragten.

Für die Regie­run­gen in den Her­kunfts­län­dern war dies inak­zep­ta­bel. Sie beklag­ten sich mit Vehe­menz über die „kom­mu­nis­tisch gefärb­ten“ Radio­pro­gramme der ARD und setz­ten die Bun­des­re­pu­blik unter mas­si­ven diplo­ma­ti­schen Druck. Spa­nien drohte bei­spiels­weise damit, die DDR offi­zi­ell anzu­er­ken­nen, Grie­chen­land stoppte Auf­träge in Mil­lio­nen­höhe an deut­sche Fir­men. Die Bun­des­re­gie­rung geriet in eine schwie­rige Lage. Auf der einen Seite stan­den wirt­schaft­li­che und geo­po­li­ti­sche Inter­es­sen, auf der ande­ren die demo­kra­ti­schen Grund­werte und die Unab­hän­gig­keit des öffent­lich-recht­li­chen Rund­funks. Die Beam­ten schie­nen die inter­na­tio­na­len Inter­es­sen höher zu gewich­ten und betrach­te­ten die Grund­prin­zi­pien der jun­gen Demo­kra­tie als einen Luxus, den man sich gegen­über „Gast­ar­bei­tern“ nicht leis­ten konnte. Das Aus­wär­tige Amt drängte den Baye­ri­schen Rund­funk dazu, die kri­ti­schen Töne in den spa­ni­schen und grie­chi­schen Sen­dun­gen ein­zu­stel­len. Dage­gen wehrte sich der lang­jäh­rige BR-Sen­de­lei­ter und Lei­ter des Aus­län­der­pro­gramms Ger­hard Bogner. Sein Vater wurde von den Natio­nal­so­zia­lis­ten ver­folgt, sodass Bogner es für seine Pflicht hielt, sich für demo­kra­ti­sche Werte ein­zu­set­zen und die Kri­tik gegen­über den auto­ri­tä­ren Regimes in den „Gast­ar­bei­ter­sen­dun­gen“ zu ermög­li­chen. Der poli­ti­sche Druck wurde so groß, dass 1972 Bogner von der Lei­tung des Aus­län­der­pro­gramms ent­bun­den wurde. Die betrof­fe­nen grie­chi­schen und spa­ni­schen Jour­na­lis­ten konn­ten zwar die Sen­dun­gen wei­ter pro­du­zie­ren, wur­den aber stren­ger kon­trol­liert. Einige Jahre spä­ter kehrte die Demo­kra­tie in den süd­eu­ro­päi­schen Län­dern zurück und womög­lich hat­ten die „Gast­ar­bei­ter­sen­dun­gen“ dazu bei­getra­gen, die­sen Pro­zess zu beschleunigen.

Trotz der hef­ti­gen poli­ti­schen Kon­flikte, die im Übri­gen auch das ita­lie­ni­sche und tür­ki­sche Pro­gramm tra­fen, ent­wi­ckel­ten sich die fremd­spra­chi­gen Radio­pro­gramme der ARD zu „nor­ma­len“ Radio­sen­dun­gen und wur­den zu einer wich­ti­gen Beglei­tung für die „Gast­ar­bei­ter“ in der Bun­des­re­pu­blik. In Tei­len gibt es sie heute noch, wie die 1961 gegrün­dete Sen­dung „Radio Colo­nia“ vom WDR. Das fremd­spra­chige Radio­an­ge­bot der ARD spielte für viele Migran­tin­nen und Migran­ten eine wich­tige Rolle, bis es in den 1990er Jah­ren nach der Ver­brei­tung des Satel­li­ten­fern­se­hens weit­ge­hend an Bedeu­tung ver­lor. Die Sen­dun­gen dien­ten aber auch lange danach als ein Alibi, das Regel­pro­gramm des öffent­lich-recht­li­chen Rund­funks – ins­be­son­dere das Fern­seh­pro­gramm – nicht auf eine durch Migra­tion geprägte Gesell­schaft anzu­pas­sen. Trotz eini­ger wich­ti­ger Fort­schritte blei­ben ARD und ZDF noch heute nicht sel­ten am Ideal einer ste­reo­ty­pi­sier­ten „deut­schen Kul­tur“ gebun­den. Fin­den sie für Lebens­wel­ten von Men­schen ver­schie­de­ner Her­kunft und fami­liä­rer Geschich­ten Platz, ord­nen sie ihnen häu­fig eine Son­der­stel­lung zu – man denke an „Tür­kisch für Anfän­ger“. Obwohl sie kei­nen öffent­li­chen Auf­trag haben, bil­den die Pri­vat­sen­der die Hete­ro­ge­ni­tät unse­rer Gesell­schaft viel bes­ser ab, denn sie müs­sen sich aus kom­mer­zi­el­len Grün­den zum ech­ten Publi­kum ver­hal­ten. So ist es fast selbst­ver­ständ­lich, dass in Serien von RTL und Pro­Sie­ben Men­schen, die einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund haben, aber nicht stark ste­reo­ty­pi­siert wer­den, eine Rolle spie­len. Wäh­rend­des­sen lau­fen im öffent­li­chen-recht­li­chen Pro­gramm noch das „Musi­kan­ten­stadl“ und der „Berg­dok­tor“. Die Schwie­rig­kei­ten von ARD und ZDF, ein jun­ges Publi­kum zu errei­chen, haben auch damit zu tun, denn die neuen Genera­tio­nen ent­spre­chen immer weni­ger dem „typisch deut­schen“ Zuschauer, der noch in den Köp­fen man­cher Pro­gramm­ver­ant­wort­li­cher ste­cken geblie­ben ist.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 11/2021.

Von |2021-11-05T16:04:46+01:00November 5th, 2021|Arbeitsmarkt, Heimat|Kommentare deaktiviert für

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Roberto Sala ist Historiker und im Wissenschaftsmanagement tätig.