„Mit uns zieht die neue Zeit“

Arbei­ter­kul­tur und Arbeiterbildung

Um die öko­no­mi­schen Wachs­tums­in­ter­es­sen der deut­schen Gesell­schaft des 19. Jahr­hun­derts zu stop­pen und die Gesell­schaft für all­ge­mein-mensch­li­che Inter­es­sen und Bedürf­nisse dienst­bar zu machen, sei eine aktive und in ihrem Bewusst­sein ent­wi­ckelte Arbei­ter­klasse ein not­wen­di­ger Hebel­arm – so sag­ten und schrie­ben es die Grün­dungs­vä­ter und die Grün­dungs­müt­ter der Arbei­ter­be­we­gung gegen Ende des 19. Jahr­hun­derts in ihren his­to­ri­schen und dia­lek­tisch-mate­ria­lis­ti­schen Streit­schrif­ten. Aber wie könn­ten Arbei­ter in einer geein­ten Arbei­ter­be­we­gung zu einem sol­chen ent­wi­ckel­ten poli­ti­schen Bewusst­sein kommen?

Drei Vor­aus­set­zun­gen seien not­wen­dig: Alle Arbei­ter soll­ten sich zu poli­tisch bewuss­ten Ange­hö­ri­gen einer ein­heit­li­chen Arbei­ter­klasse bil­den. Sie soll­ten sich an ihren Arbeits­plät­zen und in ihren Wohn­or­ten in poli­tisch-kul­tu­rel­len Gemein­schaf­ten soli­da­ri­sie­ren. Und sie soll­ten ihre Zusam­men­ar­beit in der Frei­zeit in einer eige­nen poli­tisch ver­ant­wor­te­ten sozia­len Kul­tur gestal­ten. Das war der Grund­ge­danke für die Ent­wick­lung einer eigen­stän­di­gen Arbei­ter­kul­tur. Einer eigen­stän­di­gen Kul­tur, die nicht über­ge­stülpt war, son­dern die mit eige­nen Köp­fen und Hän­den geschaf­fen und ange­eig­net wer­den konnte. Also eigen­stän­dige Kulturarbeit.

Das scheint wir­kungs­voll gewe­sen zu sein. So stell­ten die Bismarck’schen Sozia­lis­ten­ge­setze zwi­schen 1878 und 1890 nicht nur die orga­ni­sa­to­risch-agi­ta­to­ri­sche Arbeit der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei unter Strafe, son­dern auch die musi­ka­li­schen Auf­tritte des All­ge­mei­nen Sängerbundes.

Rasch wur­den Besu­cher­or­ga­ni­sa­tio­nen gebil­det, um das Thea­ter auch für Arbei­ter zugäng­lich und erschwing­lich zu machen. Sie wähl­ten natu­ra­lis­ti­sche und manch­mal auch sym­bo­lis­ti­sche Thea­ter­pro­duk­tio­nen aus, die dem eta­blier­ten ästhe­ti­schen Geschmack des Bür­ger­tums wider­spra­chen und die neue Sicht­wei­sen auf neue Rea­li­tä­ten vor­weg­nah­men und ein­üb­ten. In Ber­lin und in ande­ren Groß­städ­ten bil­de­ten sich „Volks­büh­nen“ mit einem eige­nen Reper­toire und eige­nen Inszenierungen.

Dabei wur­den auch geo­gra­fi­sche Gren­zen über­schrit­ten. Skan­di­na­vi­sche Dra­men und spä­ter auch sowje­ti­sche Insze­nie­run­gen im ers­ten Jahr­zehnt nach der März­re­vo­lu­tion wur­den adap­tiert. Und in der Bil­den­den Kunst bahn­ten sich Stil­rich­tun­gen gegen das Bie­der­meier, gegen den bür­ger­li­chen Rea­lis­mus und gegen den Wil­hel­mi­nis­mus Antons von Wer­ner an, neue Sicht­wei­sen, die aller­dings kei­nen Wider­hall bei der Mehr­heit von Arbei­tern und klei­nen Ange­stell­ten fan­den. Die „neue Kunst“ des 20. Jahr­hun­derts ging an den Arbei­tern und der Arbei­ter­be­we­gung vor­über, wurde ledig­lich von jun­gen Intel­lek­tu­el­len rezi­piert, die für eine kurze Zeit ihr „lin­kes Herz“ ent­deck­ten und sich dann sehr schnell wie­der neuen kul­tu­rel­len Echo­räu­men zuwandten.

Ich selbst wurde in den 1950er Jah­ren von der Arbei­ter­ju­gend­be­we­gung geprägt und kann des­halb bes­ser von jener Beschäf­ti­gung mit unse­rer Kul­tur berich­ten, die sich eher auf ein Sel­ber­ma­chen rich­tete, ohne dabei den Anspruch auf eine Rezep­tion der soge­nann­ten Hoch­kul­tur zu haben. Dabei spielte zunächst das Lai­en­spiel eine Rolle. Es war von der bür­ger­li­chen Jugend­be­we­gung wie­der­ge­fun­den wor­den und wurde durch Fast­nachts­spiele aus dem Umfeld des Hans Sachs belebt. Die Arbei­ter­ju­gend­be­we­gung erfand neue, klas­sen­kämp­fe­ri­sche Texte. Sie ent­deckte auch das Bewe­gungs­spiel und den Bewe­gungs­chor aufs Neue, der schon als Vor­läu­fer der grie­chi­schen Tra­gö­die und im Schul­drama des Huma­nis­mus eine Rolle gespielt hatte. Jetzt sollte er als Sinn­bild dafür her­hal­ten, dass Kul­tur und kul­tu­relle Aus­drucks­for­men keine Sache von begab­ten Indi­vi­duen wären, son­dern dass sie die schöp­fe­ri­schen Kräfte aller Men­schen berühr­ten und bewegten.

Der kul­tur­be­zo­gene Bil­dungs­be­griff, der in der Arbei­ter­be­we­gung hei­misch gewor­den war, bestand dem­nach aus drei Facet­ten: Da war ein­mal die Auf­klä­rung über die Struk­tur­ge­setze der vor­find­li­chen Gesell­schaft und ihrer poli­tisch-öko­no­mi­schen Grund­la­gen. Dann die Selbst­bil­dung als Aneig­nung der fort­schritt­lichs­ten Mani­fes­ta­tio­nen der gegen­wär­ti­gen bür­ger­li­chen Kul­tur und ihrer Schat­ten­sei­ten im Wil­hel­mi­nis­mus. Und schließ­lich For­men der kul­tu­rel­len Selbst­tä­tig­keit brei­ter Mas­sen der werk­tä­ti­gen Bevöl­ke­rung und ihrer jun­gen Genera­tion in schlich­te­ren For­ma­ten gemein­sa­mer Pro­duk­tio­nen vor einem bei­falls­freu­di­gen Publikum.

Die Hoch­zeit die­ser kul­tu­rell sen­si­blen Phase der deut­schen Arbei­ter­be­we­gung waren zwei­fel­los die 14 Jahre der ers­ten deut­schen Repu­blik. Ihre Ber­li­ner Bühne war die Volks­bühne mit einem eige­nen Haus auf den Mau­ern des alten Scheu­nen­vier­tels und mit einem Reper­toire von Ger­hart Haupt­mann bis zu Ber­tolt Brecht und sei­nen Insze­nie­run­gen als Lehr­stü­cke – die aller­dings nicht als Beleh­run­gen für die Zuschauer gedacht waren, son­dern als Übungs­räume für die betei­lig­ten Schau­spie­ler, die in ihrem Rol­len­ver­ständ­nis ler­nen soll­ten, ihre Gestal­ten nicht zu ver­kör­pern, son­dern zu zeigen.

Die 1920er Jahre waren übri­gens auch die Zeit, in der die Arbei­ter­wohl­fahrt von Marie Juch­acz als inte­grier­ter Teil der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei gegrün­det wor­den war. Sie sollte sich um Par­tei­mit­glie­der küm­mern, die von den men­schen­ver­ach­ten­den Kämp­fen des Ers­ten Welt­krie­ges außer Gefecht gesetzt oder deren Kin­der durch Arbeits­lo­sig­keit an den Rand gespült wor­den waren. Sie soll­ten Arbeit fin­den, durch Arbeit wie­der Selbst­be­wusst­sein gewin­nen und sich erneut am Klas­sen­kampf betei­li­gen kön­nen. Die AWO, wie sie sich heute nennt, war ein Teil der SPD, in der Frauen die Arbeit mach­ten, ohne jedoch die all­ge­meine Poli­tik bestim­men zu kön­nen. Sie zogen sich des­halb in ihrer freien Zeit nicht nur auf ihre Fami­lien zurück, son­dern misch­ten sich in die lokale Poli­tik und Kul­tur vor Ort ein und för­der­ten kul­tu­relle Akti­vi­tä­ten rund um ihren Orts­ver­ein. Sie betreu­ten junge Schrift­stel­le­rin­nen und Schrift­stel­ler, orga­ni­sier­ten lokale Ate­lier­be­su­che und lasen sich aus ihren Tage­bü­chern und ihren Brie­fen vor. Und sie san­gen in ihren Chö­ren die neuen und die alten Lie­der: „Mit uns zieht die neue Zeit“.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 05/2021.
Von |2021-05-25T10:53:33+02:00Mai 5th, 2021|Arbeitsmarkt|Kommentare deaktiviert für

„Mit uns zieht die neue Zeit“

Arbei­ter­kul­tur und Arbeiterbildung

C. Wolfgang Müller war emeritierter Professor für Erziehungswissenschaften und Sozialpädagogik der TU Berlin. Kurz vor Erscheinen dieser Ausgabe ist der langjährige Weggefährte der AWO und der TUP überraschend verstorben.