#MehrAls­Mei­ne­M­ei­nung

Sechs Fra­gen an Alex­an­der Skipis 

Debatte, Aus­tausch, Argu­ment und Gegen­ar­gu­ment – offe­ner und respekt­vol­ler Aus­tausch mit­ein­an­der steht im Fokus der Woche der Mei­nungs­frei­heit, die Anfang Mai statt­fin­det. Bör­sen­ver­ein des Deut­schen Buch­han­dels, Buch­bran­che und Zivil­ge­sell­schaft stel­len dabei die Bedeu­tung der Mei­nungs­frei­heit für eine freie, demo­kra­ti­sche und viel­fäl­tige Gesell­schaft in den Mit­tel­punkt. Vorab steht Alex­an­der Ski­pis, Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Bör­sen­ver­eins des Deut­schen Buch­han­dels, Poli­tik & Kul­tur Rede und Ant­wort zum Thema.

Herr Ski­pis, vom 3. bis 10. Mai fin­det die Woche der Mei­nungs­frei­heit statt. Wel­che Idee steht dahin­ter? Und was ist genau in Planung?

Seit Jah­ren set­zen wir uns für die Mei­nungs­frei­heit ein, weil sie Grund­lage unse­res Schaf­fens als Buch­bran­che ist und con­di­tio sine qua non für eine freie, viel­fäl­tige und demo­kra­ti­sche Gesell­schaft. Mit der Woche der Mei­nungs­frei­heit wol­len wir einen wei­te­ren Schritt gehen und Ver­ant­wor­tung in der Gesell­schaft über­neh­men. Wir wol­len ein brei­tes zivil­ge­sell­schaft­li­ches Bünd­nis für das Men­schen­recht der Mei­nungs­frei­heit ver­sam­meln und für die­ses ein­tre­ten. Wir kön­nen nicht taten­los zuse­hen, wäh­rend die Mei­nungs­frei­heit in immer mehr Län­dern die­ser Welt in Gefahr gerät oder abge­schafft wird. Auch bei uns in Deutsch­land gerät die Mei­nungs­frei­heit unter Druck, durch Men­schen, die kein Inter­esse an einer wirk­li­chen inhalt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung haben, son­dern mit Hass und Hetze andere ein­schüch­tern und bedro­hen. Das ver­hin­dert die freie Mei­nungs­äu­ße­rung. Wir sind sehr froh, dass sich viele Part­ner unse­rer Initia­tive ange­schlos­sen haben. Von Amnesty Inter­na­tio­nal über das PEN-Zen­trum Deutsch­land, Repor­ter ohne Gren­zen bis hin zu Ein­tracht Frank­furt machen über 35 Orga­ni­sa­tio­nen und Unter­neh­men mit eige­nen Ver­an­stal­tun­gen und Aktio­nen in der Woche vom 3. bis 10. Mai auf die Bedeu­tung der Mei­nungs­frei­heit und ihre viel­fäl­ti­gen Bedro­hun­gen auf­merk­sam. Gemein­sam mit der Frank­fur­ter Agen­tur-Alli­anz, die wei­test­ge­hend pro bono mit uns an der Woche der Mei­nungs­frei­heit arbei­tet, haben wir eine Kam­pa­gne ent­wi­ckelt. Dabei sind unter ande­rem Foto­pla­kate ent­stan­den mit Per­sön­lich­kei­ten wie Wolf­gang Nie­de­cken, Michel Fried­man oder Anne Chebu, die in ver­schie­de­nen Medien und auf Außen­wer­be­flä­chen zu sehen sein wer­den. Es wird fil­mi­sche Bei­träge geben, wir akti­vie­ren die Buch­hand­lun­gen und Ver­lage und bespie­len die sozia­len Medien – all das, um ein star­kes und weit­hin sicht­ba­res Zei­chen für Mei­nungs­frei­heit zu setzen.

Ins­be­son­dere sind Jour­na­lis­ten, Autoren und Ver­le­ger in ihrer Mei­nungs­frei­heit ein­ge­schränkt. Wel­che aktu­el­len Fälle gibt es? Inwie­weit haben diese Sie zur Woche der Mei­nungs­frei­heit motiviert?

In vie­len Län­dern die­ser Welt wer­den Men­schen unter­drückt, ver­folgt, inhaf­tiert oder gar ermor­det, nur weil sie von ihrem Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung Gebrauch machen und etwas sagen, dass ihren Regie­run­gen oder ande­ren mäch­ti­gen Orga­ni­sa­tio­nen nicht passt. Am häu­figs­ten ist davon die Berufs­gruppe der Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten betrof­fen, aber auch Autorin­nen, Ver­le­ger oder Buch­händ­le­rin­nen wer­den immer wie­der Opfer staat­li­cher Will­kür. Aktu­ell und schon seit bald fünf Jah­ren sitzt z. B. der schwe­disch-Hong­kon­ger Autor, Ver­le­ger und Buch­händ­ler Gui Min­hai in China im Gefäng­nis, weil er sich in sei­nen Schrif­ten mit der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei ange­legt hat. In Ägyp­ten ist der Ver­le­ger und Buch­händ­ler Kha­led Lotfy inhaf­tiert, weil er mili­tä­ri­sche Geheim­nisse preis­ge­ge­ben haben soll, was abso­lut nicht den Tat­sa­chen ent­spricht. Außer­dem sind uns viele wei­tere Fälle aus Viet­nam, Tür­kei, Saudi-Ara­bien und ande­ren Län­dern bekannt. Nach­dem wir uns bereits seit vie­len Jah­ren punk­tu­ell für diese ver­folg­ten Men­schen ein­ge­setzt haben, ent­stand bei uns das Ver­lan­gen, die­ses Enga­ge­ment zu bün­deln und mög­lichst viele Part­ner dazu ein­zu­la­den, sich mit uns für sie stark zu machen. Mit der Woche der Mei­nungs­frei­heit wer­den wir in der Lage sein, eine große Öffent­lich­keit mit unse­ren Bot­schaf­ten zu errei­chen und eine Bewe­gung für die Mei­nungs­frei­heit aus­zu­lö­sen. Des­halb ist die gesamte Kam­pa­gne auch auf Dauer ange­legt und soll in den nächs­ten Jah­ren inner­halb Euro­pas und inter­na­tio­nal aus­ge­rollt werden.

Aus die­sem Anlass hat der Bör­sen­ver­ein gemein­sam mit sei­nen Part­nern die „Charta der Mei­nungs­frei­heit“ ver­öf­fent­licht. Elf Punkte sol­len dabei zum Schutz und zur För­de­rung einer offe­nen Debat­ten­kul­tur bei­tra­gen. Wor­auf zie­len die Punkte ab?

Die Charta der Mei­nungs­frei­heit ist das inhalt­li­che Fun­da­ment der Woche der Mei­nungs­frei­heit. Mit ihr wol­len wir einen gro­ßen gesell­schaft­li­chen Kon­sens errei­chen, was das Thema Mei­nungs­frei­heit und Debat­ten­kul­tur betrifft. Es soll weit­hin sicht­bar sein, dass sich ein brei­tes Bünd­nis der Zivil­ge­sell­schaft und Tau­sende von Pri­vat­per­so­nen hin­ter die­sen Wer­ten und Zie­len ver­ei­nen. Die Charta soll als Erin­ne­rung und Selbst­ver­pflich­tung die­nen, im Umgang mit Anders­den­ken­den nach die­sen Prin­zi­pien zu han­deln. Und es ist ein Doku­ment, auf das sich ver­folgte Men­schen aus der gan­zen Welt beru­fen kön­nen, um unsere Unter­stüt­zung und Soli­da­ri­tät ein­zu­for­dern. Des­we­gen hier meine Bitte an alle Lesen­den: Besu­chen Sie unsere Web­seite, lesen sich die Charta der Mei­nungs­frei­heit durch und unter­zeich­nen Sie diese, wenn sie mit Ihren Über­zeu­gun­gen übereinstimmt.

Im Rah­men der Akti­ons­wo­che kön­nen sich Buch­hand­lun­gen als Orte der Mei­nungs­frei­heit posi­tio­nie­ren. Wie kann man mit­ma­chen? Wieso ist es wich­tig, Buch­hand­lun­gen gezielt als mei­nungs­freie Räume zu stär­ken – ins­be­son­dere auch in der Pandemie?

Buch­hand­lun­gen sind per se Orte der Mei­nungs­frei­heit. In ihnen fin­det man eine Viel­zahl an Mei­nun­gen, Ana­ly­sen und Inter­pre­ta­tio­nen, die einem dabei hel­fen, sich selbst ein Bild von der Welt und der Gesell­schaft zu machen. Sie sind Orte der Dis­kus­sion und geis­ti­gen Inspi­ra­tion, die für unser Zusam­men­sein uner­läss­lich sind, gerade in her­aus­for­dern­den Zei­ten wie die­sen. Das große Inter­esse am Buch wäh­rend der Pan­de­mie zeigt, dass Men­schen ein gro­ßes Ver­lan­gen danach haben. Buch­hand­lun­gen kön­nen sich zur Woche der Mei­nungs­frei­heit und dar­über hin­aus mit Pla­ka­ten und Auf­kle­bern als „Ort der Mei­nungs­frei­heit“ posi­tio­nie­ren. Außer­dem kön­nen sie Schau­fens­ter, Bücher­ti­sche oder Regale mit rele­van­ten Titeln zum Thema Mei­nungs­frei­heit bestü­cken. Dafür hat der Buch­händ­ler und Spre­cher der IG Mei­nungs­frei­heit, Michael Lem­ling, eigens eine Bücher­liste zusammengestellt.

Wel­che Rolle spie­len Ver­lage in der Woche der Mei­nungs­frei­heit? Was kön­nen sie tun?

Ver­lage spie­len ins­ge­samt eine ganz ent­schei­dende Rolle bei der Ver­tei­di­gung und För­de­rung der Mei­nungs­frei­heit. Mit ihren Ver­öf­fent­li­chun­gen geben sie den unter­schied­lichs­ten Stim­men Gehör und leis­ten somit einen uner­mess­li­chen Bei­trag zum öffent­li­chen Mei­nungs­bil­dungs­pro­zess. In der Woche der Mei­nungs­frei­heit kön­nen Ver­lage Ver­an­stal­tun­gen mit ihren Autorin­nen und Autoren digi­tal aus­strah­len. Andere stel­len Video­state­ments zusam­men. Sie kön­nen in den sozia­len Medien aktiv wer­den und ihre Bücher unter dem Hash­tag #MehrAls­Mei­ne­M­ei­nung pos­ten. Etli­che haben bereits die Charta der Mei­nungs­frei­heit unter­schrie­ben und ver­brei­ten diese über ihre Netzwerke.

Was erhof­fen Sie sich als Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Bör­sen­ver­eins des Deut­schen Buch­han­dels von der Woche der Meinungsfreiheit?

Wir wol­len ein Bewusst­sein schaf­fen für den Wert der Mei­nungs­frei­heit und eine Bewe­gung für sie aus­lö­sen. Wir sind hier in Deutsch­land pri­vi­le­giert. Aber die Mei­nungs­frei­heit ist alles andere als selbst­ver­ständ­lich und bedarf unser aller Ein­satz. Haben wir sie ein­mal ver­spielt, bekom­men wir sie so schnell nicht wie­der. Und dann kön­nen wir nicht mehr behaup­ten, in einem freien Land, in einer Demo­kra­tie zu leben. Ich wün­sche mir auch, dass wir über unse­ren eige­nen Tel­ler­rand sehen und erken­nen, dass das Unglück wei­ter Teile der Welt, die keine Mei­nungs­frei­heit genie­ßen, unmit­tel­bar mit unse­rem Wohl­stand ver­bun­den ist. Ob Saudi-Ara­bien, China, Tür­kei oder Russ­land, über­all lei­den Men­schen unter Regi­men, mit denen wir Geschäfte machen. Daran soll­ten wir als demo­kra­ti­sches Land, das in Arti­kel 1 unse­res Grund­ge­set­zes die Würde des Men­schen – und nicht nur des Deut­schen – als unan­tast­bar bezeich­net, etwas ändern wollen.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 05/2021.
Von |2021-05-20T10:10:44+02:00Mai 5th, 2021|Meinungsfreiheit|Kommentare deaktiviert für

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Sechs Fra­gen an Alex­an­der Skipis 

Alexander Skipis ist Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.