Die Zivil­ge­sell­schaft in Quarantäne

Gehö­ren zur Pan­de­mie-Poli­tik nicht auch hygie­nisch unbe­denk­li­che For­men der Bürgerbeteiligung?

Die städ­ti­sche Kul­tur befin­det sich seit bald einem Jahr in einem künst­li­chen Koma; und die länd­li­che auch. Es gibt sie noch, sie atmet, wird ernährt – so sie über eine Fest­an­stel­lung ver­fügt –, aber sie fin­det nicht mehr statt. Die Gründe sind bekannt, leuch­ten ange­sichts des Pan­de­mie­ge­sche­hens ein. Es ist den­noch gut, die­ses Lang­zeit­koma für einen Skan­dal zu hal­ten. Nicht, um die epi­de­mio­lo­gi­schen Maß­nah­men zu dis­kre­di­tie­ren. Son­dern, um sich das Bewusst­sein dafür zu erhal­ten, dass dies keine Nor­ma­li­tät sein darf.

Wie unnor­mal die­ser Zustand ist, zeigt sich an einem Punkt, der bis­her kaum dis­ku­tiert wurde: Es gibt keine Bür­ger­be­tei­li­gung mehr. In den Jah­ren „vor Corona“ waren viele For­men und Instru­mente ent­wi­ckelt wor­den, mit deren Hilfe Bür­ger Anlie­gen oder Beden­ken ein­brin­gen konn­ten. Manch­mal gewann man den Ein­druck, dass es zu viel davon gab und grö­ßere Bau­vor­ha­ben oder Infra­struk­tur­maß­nah­men nicht mehr umzu­set­zen waren. Ande­rer­seits zeigte sich bei der Bewäl­ti­gung des Flücht­lings­som­mers 2015 und sei­ner Fol­gen, wie sinn­voll es trotz aller Strei­tig­keit und Zähig­keit ist, Nach­barn anzu­hö­ren, wenn es etwa um die Ein­rich­tung von Unter­brin­gun­gen geht. Denn es geht sie an, oft haben sie auch etwas zu sagen. Gibt man ihnen keine Gele­gen­heit, darf man sich nicht wun­dern, wenn eine Akzep­tanz sich nicht ein­stel­len will. Aber jetzt, da die poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen in das Leben der Bür­ger in unge­ahn­ter Weise ein­grei­fen, ist von deren Betei­li­gung nichts zu sehen.

Schon vor einem hal­ben Jahr hat der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Roland Roth auf die­sen – viel­leicht unver­meid­li­chen – Miss­stand auf­merk­sam gemacht und einen inter­es­san­ten, wenn auch nicht ganz pas­sen­den Ver­gleich gezo­gen. Die Aids-Krise der 1990er Jahre hat zu enor­mem sozia­len und poli­ti­schen Enga­ge­ment geführt, bei aller Tra­gik auch epo­chale eman­zi­pa­to­ri­sche Fol­gen gezei­tigt. In der Coro­na­krise dage­gen fin­det ehren­amt­li­che Mit­wir­kung, prak­ti­sche Soli­da­ri­tät oder poli­ti­sche Betei­li­gung nicht statt. Die Zivil­ge­sell­schaft ist ja in Qua­ran­täne. Für Auf­klä­rung und Gespräch, Kri­tik oder Gegen­vor­schläge, ein gemein­sa­mes Ler­nen gibt es kei­nen Ort – nur das blöde Inter­net mit sei­nen berüch­tig­ten Erre­gungs­me­cha­nis­men. So darf man sich nicht wun­dern, dass die „Querdenker“-Demonstrationen die ein­zi­gen ana­lo­gen Gele­gen­hei­ten für einen gesell­schaft­li­chen Dis­kurs waren. Würde es nicht zu einer seriö­sen Pan­de­mie-Poli­tik gehö­ren, auch poli­tisch wirk­same und hygie­nisch unbe­denk­li­che For­men der Betei­li­gung anzubieten?

Wie das ginge, weiß ich natür­lich auch nicht. Aber zwei posi­tive Erfah­run­gen habe ich gemacht. Das erste sind die wöchent­li­chen Zoom-Mee­tings eines Ser­vice-Clubs, bei dem ich seit vie­len Jah­ren Mit­glied bin. Als wir von real auf digi­tal umstell­ten, gab es anfangs nicht nur aller­lei tech­ni­sche Pro­bleme. Wir muss­ten uns auf eine neue Form der Begeg­nung ein­stel­len. Aber das war schnell über­wun­den, denn die Freude über­wog, sich mit Freun­den aus ande­ren Berufs­wel­ten aus­zu­tau­schen, von den Kennt­nis­sen ande­rer zu pro­fi­tie­ren, Sor­gen zu tei­len und kon­tro­vers-kon­struk­tiv zu diskutieren.

Aber digi­tale Begeg­nun­gen sind kein voll­wer­ti­ger Ersatz, es braucht auch die ana­loge Gemein­schaft. Womit ich bei mei­ner zwei­ten guten Erfah­rung wäre. Zur­zeit sind bekannt­lich Got­tes­dienste die ein­zi­gen sol­chen Gele­gen­hei­ten. Über die Hei­lig­abend­ves­pern wurde hef­tig dis­ku­tiert – zumeist von Men­schen ohne eigene Got­tes­diens­t­er­fah­rung. Des­halb erzähle ich ein­mal, was ich kürz­lich in einem ganz nor­ma­len Got­tes­dienst erlebt habe. In mei­ner Nach­bar­schaft steht eine der legen­dä­ren „Not­kir­chen“ von Otto Bart­ning: nach einem Bau­satz schnell und güns­tig errich­tet für die Men­schen in den zer­bomb­ten Städ­ten der unmit­tel­ba­ren Nach­kriegs­zeit. Wo könnte man heute bes­ser Got­tes­dienst fei­ern? Sie sind warm, ber­gend. Etwa 30 Men­schen sind gekom­men, einige kenne ich aus der Nach­bar­schaft. Umsich­tige – ehren­amt­li­che! – Gast­ge­ber begrü­ßen und regis­trie­ren mich, der Küs­ter bringt mich zu mei­nem Platz. Wir hal­ten Abstand und sind doch bei­sam­men. Wir hören eine bibli­sche Geschichte, die Pas­to­rin legt sie in einer bün­di­gen Pre­digt aus. Wir beten – für uns und andere. Ein Ehe­paar ist gekom­men, um den Segen zu ihrer Gol­de­nen Hoch­zeit zu emp­fan­gen. Die große Fami­lie schaut per Web­cam zu. Wir sind gerührt, freuen uns mit. In Zei­ten, in denen viele Bezie­hun­gen im Lock­down zer­bre­chen, ist dies ein Hoff­nungs­zei­chen für uns alle. Zur Beloh­nung singt die Orga­nis­tin am Kla­vier den liebs­ten Beat­les-Song der gol­de­nen Eheleute.

Die­ser Bei­trag ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 02/2021.

Von |2021-02-05T15:00:17+01:00Februar 5th, 2021|Bürgerschaftliches Engagement|Kommentare deaktiviert für

Die Zivil­ge­sell­schaft in Quarantäne

Gehö­ren zur Pan­de­mie-Poli­tik nicht auch hygie­nisch unbe­denk­li­che For­men der Bürgerbeteiligung?

Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland.