Schwel­len sen­ken, Zugänge erleich­tern, Chan­cen schaf­fen

Zur Gestal­tung des Gemein­we­sens

„Inte­gra­tion braucht bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment.“ Mit dem Satz dürfte man schwer­lich eine Kon­tro­verse aus­lö­sen. Ver­wun­dern dürfte es schon eher, dass das Bun­des­amt für Migra­tion und Flücht­linge (BAMF) das bür­ger­schaft­li­che Enga­ge­ment von Zuge­wan­der­ten för­dert, ist es doch eher als Asyl­be­hörde oder für sein gesetz­li­ches Kern­ge­schäft im Bereich Inte­gra­tion – der Sprach­för­de­rung – bekannt.

Wieso also neben den gesetz­li­chen Pflicht­auf­ga­ben Tätig­keit im Bereich der gesell­schaft­li­chen Inte­gra­tion? Und dort beson­de­res in der För­de­rung des bür­ger­schaft­li­chen Enga­ge­ments? Ist das über­haupt staat­li­che Auf­gabe? Die Ant­wort dar­auf lie­fert ein Blick dar­auf, was bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment für Inte­gra­tion leis­ten kann. Die Initia­tive kul­tu­relle Inte­gra­tion stellt in ihrem Posi­ti­ons­pa­pier dazu fest: Bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment bil­det „eine wich­tige Säule für den sozia­len und gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt und die Stär­kung der Demo­kra­tie“. Es „gilt sowohl als Motor als auch als Indi­ka­tor für Inte­gra­tion und Teil­habe.“ Bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment ist – neben vie­len ande­ren Din­gen – Schule der Demo­kra­tie und Erfah­rung der „Selbst­wirk­sam­keit“ der Betrof­fe­nen. Bei der gemein­sa­men Arbeit im Ver­ein, der Initia­tive, dem Pro­jekt voll­zieht sich zudem oft ganz neben­bei, was als „inter­kul­tu­relle Öff­nung“ bezeich­net wird. Es ent­ste­hen Kon­takte, infor­melle Netz­werke, die wirk­lich Zugänge zur Gesell­schaft schaf­fen – dass Stu­dien die Rolle die­ser Netz­werke z. B. auch für den Arbeits­markt­er­folg bele­gen, sei nur neben­bei erwähnt. Die­ses enorme Poten­zial ist Grund genug, Zuge­wan­derte für bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment zu gewin­nen, Ver­eine und bereits Aktive darin zu unter­stüt­zen. All das ist sicher nichts, was staat­lich ver­ord­net oder durch­ge­setzt wer­den könnte, was aber sehr wohl auch im staat­li­chen Inter­esse liegt. Des­we­gen setzt das BAMF als ein bun­des­wei­ter Akteur – natür­lich neben einer Viel­zahl staat­li­cher und zivil­ge­sell­schaft­li­cher Akteure – hier Akzente.

Dies gilt übri­gens auch für die Beglei­tung des eige­nen „gesetz­li­chen Kern­ge­schäfts“. Bei­spiel­haft sei erwähnt: Das Modell­pro­jekt „Start with a Friend – Verein(t)“ ver­mit­telt Inte­gra­ti­ons­kurs­teil­neh­mende in pas­sende Ver­eine und schafft so gleich­zei­tig Gele­gen­heit, die erlernte Spra­che zu nut­zen und sich im Ver­ein ein­zu­brin­gen. Ein schö­nes Bei­spiel, wie sich staat­li­ches Pro­gramm und bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment in ihrer Wirk­sam­keit ergän­zen.

Im Übri­gen gibt es drei Dimen­sio­nen, wie das Bun­des­amt bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment von Zuge­wan­der­ten unter­stützt: Pro­jekte, die direkt die­sem Ziel die­nen, der Bereich Qua­li­fi­zie­rung und Pro­fes­sio­na­li­sie­rung sowie der inhalt­li­che Aus­tausch mit dem BAMF. Gäbe es ein Motto, ein ver­bin­den­des Leit­mo­tiv, wäre es in etwa: Schwel­len sen­ken, Zugänge erleich­tern und dadurch Chan­cen schaf­fen.

Das genannte Leit­mo­tiv zeigt sich vor allem am Bei­spiel von Migran­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen und neu gegrün­de­ten Ver­ei­nen. Die Schwel­len des deut­schen Ver­eins- und Zuwen­dungs­rechts sind durch­aus anspruchs­voll und kön­nen leicht als struk­tu­relle Hürde wir­ken. Hier will das BAMF zumin­dest ein Stück weit Aus­gleich schaf­fen. Dabei rei­chen unsere Ange­bote von der regio­na­len bis zur Bun­des­ebene, von der neu gegrün­de­ten Initia­tive bis zur bun­des­weit täti­gen Orga­ni­sa­tion: Das Bun­des­amt för­dert Mul­ti­pli­ka­to­ren­schu­lun­gen ins­be­son­dere zu Ver­eins- und Pro­jekt­ma­nage­ment und zur Öffent­lich­keits­ar­beit, die pass­ge­nau zusam­men­ge­stellt wer­den kön­nen. Es ver­sucht, gezielt neue Trä­ger für das eigene För­der­pro­gramm der „gemein­we­sen­ori­en­tier­ten Pro­jekte“ zu gewin­nen, die den gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt vor Ort adres­sie­ren und ihrer­seits Stär­kung des ehren­amt­li­chen Enga­ge­ments als ein Haupt­ziel ver­fol­gen – ca. 270 lau­fende Pro­jekte im Jahr 2020. Die neuen Trä­ger wer­den eben­falls inten­siv mit Schu­lun­gen beglei­tet. Wem die Infra­struk­tur fehlt, selbst als Pro­jekt­trä­ger tätig zu wer­den, dem erleich­tern die „Houses of Resour­ces“ (HoR), eine Idee des Forums der Kul­tu­ren in Stutt­gart, den Zugang: Dort fin­den vor allem neue Initia­ti­ven Infra­struk­tur wie Büro- und Bespre­chungs­räume, Ver­an­stal­tungs­e­quip­ment etc., Bera­tung und Beglei­tung sowie eine nied­rig­schwel­lige Mög­lich­keit, „Mikro­pro­jekte“ zu bean­tra­gen, und so die ers­ten Schritte in der Mit­tel­ak­quise zu gehen. Das Bun­des­amt för­dert der­zeit elf die­ser Häu­ser, wei­tere wer­den fol­gen. Rich­ten sich die HoR an Initia­ti­ven im Auf­bau, ste­hen am „ande­ren Ende der Skala“ bun­des­weit tätige Migran­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen: Diese haben die Mög­lich­keit, Struk­tur­för­de­rung zu erhal­ten, um ihre Sicht­bar­keit und Effek­ti­vi­tät im poli­ti­schen Pro­zess zu erhö­hen, ihre Infra­struk­tur wei­ter zu pro­fes­sio­na­li­sie­ren und zu fes­ti­gen. Zehn Orga­ni­sa­tio­nen pro­fi­tie­ren der­zeit davon – das Bun­des­amt ist übri­gens der ein­zige bun­des­weite Akteur, der Struk­tur­auf­bau in die­ser Art för­dert. „VaMOs – die Ver­bands­aka­de­mie für Migran­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen“ ergänzt die regio­na­len Qua­li­fi­zie­rungs­an­ge­bote durch Coa­ching, Bera­tung und Ver­net­zung für bun­des­weite tätige Orga­ni­sa­tio­nen und run­det so das Schu­lungs­an­ge­bot des BAMF ab. Eine breite Palette also zur Qua­li­fi­zie­rung und För­de­rung eige­ner Pro­jekte. Das Bun­des­amt nutzt aber auch die inhalt­li­che Exper­tise der Orga­ni­sa­tio­nen und Initia­ti­ven: Über das „Design“ sei­ner För­der­pro­gramme ent­schei­det es nicht am sprich­wört­li­chen „grü­nen Tisch“, son­dern lässt sich von einem breit auf­ge­stell­ten Exper­ten­zir­kel bera­ten, der auch und gerade die Stim­men von Migran­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen und enga­gier­ten Ehren­amt­li­chen zu Gehör bringt.

Es gäbe noch vie­les zu berich­ten: von Initia­ti­ven zu Inte­gra­tion auf Distanz – Stich­wort Corona und Digi­ta­li­sie­rung –, von dem Pro­gramm „Inte­gra­tion durch Sport“, vom „Modell­vor­ha­ben Moscheen für Inte­gra­tion“, der Hin­weis auf bamf.de muss an die­ser Stelle genü­gen, sollte jemand neu­gie­rig gewor­den sein.

Zum Schluss noch ein­mal das Leit­mo­tiv: Wenn wir Schwel­len sen­ken und Zugänge erleich­tern, erge­ben sich dar­aus Chan­cen – nicht nur für die ein­zel­nen Grup­pen, son­dern für die Gestal­tung des Gemein­we­sens ins­ge­samt.

Die­ser Bei­trag ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 11/2020.

Von |2020-11-04T10:09:10+01:00November 4th, 2020|Bürgerschaftliches Engagement|Kommentare deaktiviert für

Schwel­len sen­ken, Zugänge erleich­tern, Chan­cen schaf­fen

Zur Gestal­tung des Gemein­we­sens

Martin Lauterbach
Martin Lauterbach leitet die Gruppe »Grundsatzfragen Integration, Integrationsmaßnahmen« im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.