Nicht mehr satis­fak­ti­ons­fä­hig?

Can­cel Cul­ture statt Debat­ten auf Augen­höhe

Mit die­ser Äuße­rung hast du uns dis­kre­di­tiert! … Worte, die wenig Raum für eine argu­men­ta­tive Fort­füh­rung des Dis­kur­ses bie­ten. Ver­bale Äuße­run­gen kön­nen heute zu einem gesell­schaft­li­chen Aus­schluss füh­ren! Beson­ders schwer wiegt hier der Vor­wurf der Dis­kre­di­tie­rung spe­zi­fi­scher Per­so­nen­grup­pen, vor allem sol­che, die inner­halb der Gesell­schaft immer noch benach­tei­ligt wer­den, wie Frauen, Trans­se­xu­elle oder von Ras­sis­mus Betrof­fene. Wenn sich bei­spiels­weise der Kaba­ret­tist Die­ter Nuhr in Äuße­run­gen gegen die Fri­days-for-Future-Bewe­gung und Greta Thun­berg als „lächer­li­chen Per­so­nen­kult“ wen­det, zäh­len nicht mehr seine Argu­mente zum Kli­ma­wan­del, son­dern nur noch der kon­krete Angriff auf die Per­son bzw. Gruppe. Eine Kon­tro­verse, ein Aus­tausch von Argu­men­ten ist bei „Can­cel Cul­ture“ nicht inten­diert, son­dern der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ab­bruch, wie dies sel­bi­gem Kaba­ret­tis­ten bezo­gen auf eine andere Äuße­rung im Rah­men der Kam­pa­gne bei der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft ergan­gen ist, wo er die Rele­vanz von Wis­sen­schaft betonte, jedoch gleich­zei­tig deut­lich machte, dass Wis­sen­schaft nicht alles wisse. Auf­grund hef­ti­ger Kri­tik in sozia­len Medien wurde das State­ment ein­fach gelöscht, statt sich inhalt­lich mit der These aus­ein­an­der­zu­set­zen. Andere „Can­cel Culture“-Praktiken sind das Kün­di­gen von Arbeits­ver­hält­nis­sen, das Aus­la­den von Per­so­nen bei Ver­an­stal­tun­gen oder Hetz­kam­pa­gnen in sozia­len Medien. So wurde jüngst J.K. Row­ling von Usern für „tot“ erklärt. Es sind jedoch nicht nur Künst­le­rin­nen und Künst­ler, die mit Pole­mik, Fik­tion oder Pro­vo­ka­tion spie­len wie im Bereich fik­ti­ver Lite­ra­tur, Kaba­rett oder Kari­ka­tur, die hier­von betrof­fen sind. Es kann alle tref­fen, die sich in der Öffent­lich­keit äußern. Selbst kul­tu­rel­les Erbe kann „gecan­celt“ wer­den, wie bei­spiels­weise das Gedicht von Eugen Gom­rin­ger, das von den Mau­ern der Alice-Salo­mon-Uni­ver­si­tät getilgt wurde auf­grund des Vor­wurfs des Sexi­mus.

Ist damit etwas ein­ge­tre­ten, dem Libe­ra­li­sie­rung eigent­lich ent­ge­gen­wir­ken wollte? Der Kampf um Frei­heit von Mei­nung und kul­tu­rel­ler Lebens­ge­stal­tung? Oder gibt es doch nur die „eine rich­tige“ Mei­nung?

For­men der Can­cel Cul­ture haben eine lange his­to­ri­sche Tra­di­tion, bei­spiels­weise „Dam­na­tio memo­riae“, das Aus­til­gen des Andenkens einer Per­son. So wur­den bei­spiels­weise die Inschrif­ten der Pha­rao­nin Hat­schep­sut zer­stört auf­grund des dama­li­gen gesell­schaft­li­chen Norm­bruchs, als Frau über Män­ner geherrscht zu haben.

Nicht zuletzt mit der Libe­ra­li­sie­rung und hier vor allem der 68er-Bewe­gung wurde das Bre­chen gesell­schaft­li­cher Nor­men jen­seits kon­kre­ter Straf­ta­ten ent­ta­bui­siert, z. B. durch die Kom­mune I,  die das Nackt­sein und die sexu­elle Frei­zü­gig­keit kul­ti­vierte.

Eine Folge der Libe­ra­li­sie­rung war die Indi­vi­dua­li­sie­rung, eine zuneh­mende Frag­men­tie­rung der Gesell­schaft, das Bil­den von Milieus mit eige­nen Wer­te­vor­stel­lun­gen. Heute sind es nicht mehr spe­zi­fi­sche Ver­hal­tens­wei­sen, unter­schied­li­che kul­tu­relle Lebens­stile, son­dern ver­bale Äuße­run­gen, die zu einem gesell­schaft­li­chen Tabu wer­den.

Führt feh­len­der gesell­schaft­li­cher Zusam­men­halt auf­grund feh­len­der gemein­sa­mer Iden­ti­tä­ten dazu, dass der Ein­zelne unsi­che­rer, angreif­ba­rer gewor­den ist in sei­nen Über­zeu­gun­gen und Wer­te­hal­tun­gen? Ist es die Ohn­macht vor der Rea­li­tät, die heute zwar unter­schied­li­che kul­tu­relle Lebens­stile, jedoch immer noch nicht eine dis­kri­mi­nie­rungs­freie Gesell­schaft ermög­licht? Mutie­ren Werte so zu einem Dogma, das zum „Aus­til­gen“ ande­rer Mei­nun­gen berech­tigt? Worte kön­nen ver­let­zen, Can­cel Cul­ture aber auch! Ein Unrecht recht­fer­tigt nicht das Bege­hen eines wei­te­ren Unrechts. Könn­ten wir gesell­schaft­li­cher Spal­tung nicht bes­ser ent­ge­gen­tre­ten, wenn Kon­tro­ver­sen künf­tig wie­der beid­sei­tig als argu­men­ta­tive Duelle auf Augen­höhe kul­ti­viert wer­den?

Die­ser Bei­trag ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 10/2020.

Von |2020-10-26T13:15:50+01:00Oktober 6th, 2020|Meinungsfreiheit|Kommentare deaktiviert für

Nicht mehr satis­fak­ti­ons­fä­hig?

Can­cel Cul­ture statt Debat­ten auf Augen­höhe

Susanne Keuchel
Susanne Keuchel ist Präsidentin des Deutschen Kulturrates.