Zusam­men­ge­hö­rig­keit

Erfah­run­gen in einer viel­fäl­ti­gen Gesell­schaft

Hier stehe ich, die jüdisch-ehe­ma­lig-sowje­ti­sche-nun-ukrai­ni­sche Deut­sche inmit­ten von Han­no­ver. Ich bin gerade auf dem Weg zur Schule und halte mei­nen David­stern in der Hand, noch werde ich ihn nicht umle­gen, mein Papa soll nicht sehen, dass ich ihn trage. Er hat ihn mir geschenkt, aber für die Syn­agoge, für Fei­er­tage oder neu­er­dings auch für unter den Pulli. Denn in der Schule ist es nicht immer selbst­ver­ständ­lich. Dort ange­kom­men, laufe ich an unse­rer Ehren­pla­kette vor­bei „Schule ohne Ras­sis­mus, Schule mit Cou­rage“ – so ein Quatsch, ich kann mei­nen David­stern hier nicht tra­gen, in mei­ner Hei­mat, in mei­ner ver­meint­lich so ver­trau­ten Umge­bung.

Um mich noch ein­mal abzu­si­chern, schaue ich in den Flur rein. Eine kul­tu­relle Viel­falt ohne­glei­chen: 100 ver­schie­dene Haar- und Augen­far­ben und so viele ver­schie­dene Sym­bole. Aus eini­gen Ecken machen sich Fremd­spra­chen bemerk­bar. Ich wechsle die Spra­che auch immer, wie soll ich mei­ner bes­ten Freun­din sonst mit­tei­len, dass mein Schwarm gerade neben mir steht und ich dahin­schmelze. Ziem­lich har­mo­nisch die­ser Schul­flur. Über­all hän­gen Bil­der von Aus­tausch­pro­gram­men, Gedenk­ver­an­stal­tun­gen und dazwi­schen ein Idiot: „Ihr Aus­län­der, ihr macht das ein­fach anders!“

„Wir Aus­län­der“ machen das also anders. Wer sind denn „wir Aus­län­der“? Meine Groß­el­tern leben in Deutsch­land, meine Eltern haben jetzt schon den grö­ße­ren Teil ihres Lebens hier ver­bracht und wenn wir, meine Schwes­ter und ich, die hier zur Welt gekom­men sind, von zu Hause spre­chen, mei­nen wir zwei­fels­ohne Han­no­ver! Folg­lich kann ich mich mit dem Wort „Aus­län­der“ nicht iden­ti­fi­zie­ren, aller­ding exis­tiert ein ande­res Wort, wel­ches mich zum Den­ken anregt: „Kul­tur­mi­gran­tin“. Werte, die mir in mei­ner Erzie­hung ans Herz gelegt wur­den, sind hof­fent­lich Werte, mit denen jeder groß gewor­den ist: Mei­nungs­frei­heit, Gerech­tig­keit, Demo­kra­tie und Gleich­heit. Warum also Migran­tin?

Mein fami­liä­res Brauch­tum unter­schei­det sich von dem schu­li­schen: In der Grund­schule besuchte ich den „klas­si­schen“ Reli­gi­ons­un­ter­richt. Dort wurde nicht ein­mal in katho­lisch oder evan­ge­lisch unter­schie­den. Als ich dann das Gym­na­sium besuchte, saß ich mit aller Welt zusam­men im Werte- und Nor­men-Kurs und phi­lo­so­phierte neun Jahre lang über alles Mög­li­che.

Da ich, wie sicher­lich die meis­ten, nicht am kon­ti­nu­ier­li­chen jüdi­schen Reli­gi­ons­un­ter­richt teil­ge­nom­men habe, wage ich stich­pro­ben­ar­tige Erklä­rungs­ver­su­che. Ich bin hala­chisch jüdisch, das bedeu­tet nichts ande­res, als dass meine Mama jüdisch ist, denn das ortho­doxe Juden­tum besagt, dass die Wei­ter­gabe durch die Mut­ter erfolgt. Diese The­ma­tik ist heut­zu­tage sehr umstrit­ten. Ich möchte sie hier nicht wei­ter kom­men­tie­ren.

Denn für mich wird jüdisch sein oft durch ein star­kes Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl in ver­schie­dens­ten Situa­tio­nen deut­lich. Ob beim wöchent­li­chen Backen von Challah, eines Hefe­zop­fes, beim Ker­zen­zün­den an Cha­nukka, dem Lich­ter­fest auf Opern­plät­zen oder am Bran­den­bur­ger Tor oder auch beim dis­kre­ten Shab­bat-Ker­zen­zün­den zwi­schen Mut­ter und Toch­ter.

Das Ker­zen­zün­den am Shab­bat ist eine mei­ner Lieb­lings­tra­di­tio­nen. Es ist gleich­zei­tig eine Mitzwa, davon gibt es 613. Über­setzt sind es Gebote und Ver­bote. Man­che sind für Frauen, andere für Män­ner, somit ist es unmög­lich, alle zu erfül­len. Was man jedoch schnell über­sieht, ist der Bezug zur All­ge­mein­heit. Bei vie­len Mitz­wot geht es um die zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hung. Weder darf man sei­nen Nächs­ten has­sen, noch sei­nen Ruf schä­di­gen. Im Gegen­teil, man soll seine Eltern ehren, sei­nen Mit­men­schen hel­fen und im über­tra­ge­nen Sinne mit offe­nen Augen durchs Leben lau­fen.

Eine andere Situa­tion macht die­ses Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl mit der All­ge­mein­heit noch deut­li­cher: Ein­mal war ich in Yad Vashem, der größ­ten inter­na­tio­na­len Holo­caust­ge­denk­stätte in Jeru­sa­lem. Ich bin das erste Mal vor Ort und abso­lut über­for­dert. Weder habe ich meine Trä­nen unter Kon­trolle, noch will ich mit mei­ner deut­schen Dele­ga­ti­ons­gruppe spre­chen. Der Flur, durch den ich laufe, ist mit ein­zel­nen Expo­na­ten bestückt. Es sind per­sön­li­che Gegen­stände, die aus Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern geret­tet wer­den konn­ten: ein Löf­fel, ein Gebets­buch und ein paar Schuhe. Etwa eine Arm­länge ent­fernt von mir läuft ein jun­ger Mann, man hört uns abwech­selnd schluch­zen. Wir spre­chen nicht und schauen uns auch nicht an. Wir gehen noch ein paar Meter wei­ter und plötz­lich, ohne ein Wort zu sagen, fal­len wir ein­an­der in die Arme. Er nimmt mei­nen Kopf in die Hand und sagt: „Ich weiß, es ist schreck­lich, aber wenn sie nie auf­ge­hört haben zu glau­ben, dür­fen wir nicht ein­mal daran den­ken.“ Spä­ter erfuhr ich, dass der junge Mann ein kana­di­scher Stu­dent ist, der auch zum ers­ten Mal vor Ort ist. Diese Situa­tion steht für mich für Empa­thie und Emo­tio­na­li­tät zwi­schen Men­schen, nicht für das Leid einer Gruppe. Wir muss­ten ein­an­der nicht erklä­ren. Wir waren ein­fach für­ein­an­der da und haben uns nicht wegi­gno­riert. Rasch ent­wi­ckelte sich eine Ver­bin­dung, ein Dia­log. Sol­che Situa­tio­nen sollte es mehr geben!

Wir leben in einer Zeit vol­ler Viel­falt, die von Tag zu Tag nur noch wächst. Umso depri­mie­ren­der ist es zu sehen, dass Men­schen ihren kul­tu­rel­len oder reli­giö­sen Prä­gun­gen nicht frei nach­ge­hen kön­nen. Ich möchte nicht immer zuerst Poli­zis­ten sehen, wenn ich in die Rich­tung jüdi­scher Insti­tu­tio­nen gehe. Jeder Bür­ger sollte in der Lage sein, in einem demo­kra­ti­schen Rah­men unab­hän­gig von sei­nen Wur­zeln freier reli­giö­ser oder kul­tu­rel­ler Ent­fal­tung nach­ge­hen zu kön­nen.

Viel­fäl­tig­keit ist um uns herum, wir müs­sen sie nur auf­merk­sam wahr­neh­men und zu mehr Offen­heit anre­gen. Wir müs­sen bereit sein, die Fra­gen des Gegen­übers zu beant­wor­ten und neue zu stel­len, somit umge­hen wir viele Miss­ver­ständ­nisse und bekom­men ein Gefühl für Neues. Wir müs­sen mehr Platz für Dia­loge schaf­fen, erst im klei­nen und dann im gro­ßen Rah­men. Das kann nicht nur der Traum einer jun­gen Frau blei­ben, es muss gesamt­ge­sell­schaft­lich ver­wirk­licht wer­den.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 07-08/2019.

Von |2019-07-19T10:22:08+02:00Juli 19th, 2019|Religiöse Vielfalt|Kommentare deaktiviert für

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Esther Belgorodski
Esther Belgorodski ist Praktikantin beim Deutschen Kulturrat.