Erfah­run­gen aus der Hei­mat des Wolfes

Länd­li­cher Raum braucht men­tale Chancen

In vie­len länd­li­chen Gegen­den im Osten Deutsch­lands ist der Wolf in den letz­ten Jah­ren hei­misch gewor­den. Er steht für viele Bil­der, wie der länd­li­che Raum in den neuen Bun­des­län­dern angeb­lich aus­sieht: ver­ödete Gegen­den, leere Dör­fer. Sicher­lich gibt es diese Rea­li­tät auch. Vor­pom­mern im Bun­des­land Meck­len­burg-Vor­pom­mern ist die am dünns­ten besie­delte Region der Repu­blik und die demo­gra­fi­sche Ent­wick­lung ist in Gebie­ten wie der Pri­gnitz im Land Bran­den­burg stark rück­läu­fig. Ist der länd­li­che Raum nur noch für Nost­al­gi­ker, Freunde bio­lo­gi­scher Land­wirt­schaft und Raum­pio­niere geeig­net? Viele „Raum­pio­niere“ haben sich nach der Wende aus dem Wes­ten in den Osten auf­ge­macht, um sich auf dem Land zu ver­wirk­li­chen und dort hei­misch zu wer­den. Man­che haben es geschafft, andere sind irgend­wann ent­nervt geschei­tert und zurück­ge­kehrt zum lak­to­se­freien Latte am Prenz­lauer Berg.

Kon­trast­rei­cher als das Erz­bis­tum Ber­lin könn­ten die Gebiete nicht sein, die es umfasst. Ber­lin als Haupt­stadt mit enor­men Wachs­tums­ra­ten – unter ande­rem auch bei Katho­li­ken auf­grund des Zuzugs von Men­schen aus katho­lisch gepräg­ten Län­dern – und Bran­den­burg und Vor­pom­mern. Gleich­zei­tig zeigt sich aber auch, dif­fe­ren­zier­ter könnte der länd­li­che Raum nicht sein. Länd­li­cher Raum ist nicht gleich länd­li­cher Raum.
Viele Men­schen haben nach der Wende ihre Hei­mat in den länd­li­chen Räu­men auf­ge­ge­ben, weil es ihre Arbeits­plätze nicht mehr gab. Jetzt keh­ren aber auch immer mehr zurück. Land­kreise äch­zen unter dem Fach­kräf­te­man­gel und suchen nach pfif­fi­gen Mar­ke­ting­stra­te­gien, um Ehe­ma­lige wie­der hei­misch zu machen. Länd­li­cher Raum heißt wie­der Per­spek­tive, aber nur da, wo es auch eine Anbin­dung gibt an den öffent­li­chen Nah­ver­kehr, Schu­len und Ärzte. Wo Struk­tu­ren rück­ge­baut wer­den und der nächste Fach­arzt 40 Kilo­me­ter ent­fernt ist, wird der länd­li­che Raum spä­tes­tens im Alter zum Risiko. Armut auf dem Land sieht auch im All­tag anders aus als in der Stadt. Es kann z. B. Mobi­li­täts­ar­mut sein, weil das Bus­ti­cket zu teuer ist oder gar kei­ner mehr fährt. Sucht kann anders sein. Es wird in bestimm­ten Alters­grup­pen eher gesof­fen als Dro­gen kon­su­miert. Dar­un­ter sind man­che, die nach der Wende kei­nen Anschluss gefun­den haben. Des­halb sind Ange­bote wie der Holz­hof der Cari­tas in Pase­walk so wich­tig. Hier fin­den Men­schen mit Sucht­pro­ble­men mit­ten auf dem Land eine beruf­li­che Per­spek­tive. Sie stel­len Kamin­holz her und erle­ben sich als Teil einer Gemein­schaft. Hei­mat ist hier, nicht allein zu sein und täg­lich raus­zu­kom­men aus dem, was das Leben schwer macht.

Länd­li­cher Raum im Osten ist für viele aber auch Lebens­glück auf Zeit. Im Som­mer strö­men Heer­scha­ren durch Bran­den­burg und Vor­pom­mern, genie­ßen den Kul­tur­som­mer oder besu­chen das Bio­schwein, an des­sen Auf­zucht man sich öko­lo­gisch kor­rekt betei­ligt. Das ist größ­ten­teils eine gute Ent­wick­lung. Der länd­li­che Raum wird hier als Res­source ent­deckt. Eine Kehr­seite der Medaille sind Exis­ten­zen, die rein auf das Sai­son­ge­schäft ange­wie­sen sind. Feri­en­re­gio­nen wie Use­dom und Rügen sind wun­der­schön, gleich­zei­tig gibt es dort hohe Ver­schul­dungs­ra­ten, Armut und Benachteiligung.

Men­schen im länd­li­chen Raum brau­chen genauso wie in Städ­ten Zugang zu wohn­ort­na­her sozia­ler Bera­tung. Eine gute Ergän­zung ist das Cari­mo­bil, mit dem Sozi­al­ar­bei­ter mobile Bera­tung anbie­ten. Länd­li­cher Raum braucht nicht nur eine Geh- bzw. Fahr­struk­tur, son­dern auch eine Komm-Struk­tur. Pfle­ge­dienste, Ärzte, soziale Bera­tung oder Frei­zeit­an­ge­bote müs­sen sich auf den Weg machen bzw. vor Ort blei­ben kön­nen. Dazu braucht es aber auch eine gezielte För­de­rung des länd­li­chen Raums. Die Kom­mis­sion „Gleich­wer­tige Lebens­ver­hält­nisse“ der Bun­des­re­gie­rung darf nicht nur Ankün­di­gungs­po­li­tik sein. Es geht darum, wirk­li­che Per­spek­ti­ven auf dem Land zu schaf­fen. Digi­ta­li­sie­rung ist dafür ein Mit­tel, ist aber auch nicht der Uni­ver­sal­schlüs­sel zur Lösung aller Pro­bleme. Die Exper­tise der Wohl­fahrts­ver­bände sollte für die Ent­wick­lung der länd­li­chen Räume mehr genutzt wer­den Denn wir müs­sen nicht erst dort hin­ge­hen, son­dern sind schon längst da und ken­nen uns aus.

Der länd­li­che Raum ist aber auch Chance. Denn dort ist Platz und meist sind die Grund­stü­cke noch bezahl­bar. Ohne länd­li­chen Raum würde Ber­lin aus allen Näh­ten plat­zen. Die Stadt kann expan­die­ren. Viel­leicht kann sie sogar noch vom länd­li­chen Raum in Bran­den­burg ler­nen. Denn dort funk­tio­niert Ver­wal­tung und man bekommt sogar schnell einen Ter­min auf dem Bürgeramt.

Länd­li­cher Raum braucht men­tale Chan­cen. Die Oder­re­gion wurde von vie­len schon abge­schrie­ben. Jetzt gibt es dort auf ein­mal in ver­schie­de­nen Orten Auf­bruchs­stim­mung, z. B. in der Gemeinde Löck­nitz an der deutsch-pol­ni­schen Grenze. Denn die Groß­stadt Stet­tin hat Woh­nungs­not und in Deutsch­land sind Mie­ten und Häu­ser güns­tig. Immer mehr Polen zie­hen nach Löck­nitz. Es ist ein gutes Bei­spiel, wie Europa gelin­gen kann. Denn hier leben die Men­schen ein­fach zusam­men. Die neuen Mit­bür­ger sind dazu noch zumeist katho­lisch. Hier wird Kir­che zum Inte­gra­ti­ons­fak­tor – keine schlechte Per­spek­tive und ein inter­es­san­tes Modell­pro­jekt des Erz­bis­tums Ber­lin. Länd­li­cher Raum braucht auch die Kir­che und zwar nicht nur als Kul­tur­denk­mal. Hei­mat ist auch dort, wo sich Kir­che enga­gie­ren sollte. Und das kann und wird zukünf­tig nicht nur die Stadt sein.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 01-02/2019.

Von |2019-06-14T11:42:22+02:00Januar 25th, 2019|Heimat|Kommentare deaktiviert für

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Länd­li­cher Raum braucht men­tale Chancen

Ulrike Kostka ist Caritasdirektorin des Erzbistums Berlin und außerplanmäßige Professorin für Moraltheologie an der Universität Münster.