Stell­schraube kul­tu­relle Inte­gra­tion

Die Arbeit des Bun­des­am­tes für Migra­tion und Flücht­linge (BAMF)

Hans Jes­sen spricht mit Jutta Cordt, der Prä­si­den­tin des Bun­des­am­tes für Migra­tion und Flücht­linge (BAMF) dar­über, wie Inte­gra­tion auch in kul­tu­rel­ler Hin­sicht gelin­gen kann.

Hans Jes­sen: Frau Cordt, als Sie vor einem Drei­vier­tel­jahr das Amt der BAMF-Prä­si­den­tin über­nah­men, wur­den ers­tens Ver­fah­rens­be­schleu­ni­gung und zwei­tens Inte­gra­tion von Men­schen als zen­trale Auf­ga­ben der Behörde genannt. Ist Ver­fah­rens­be­schleu­ni­gung Vor­aus­set­zung dafür, dass Inte­gra­tion über­haupt gelin­gen kann?
Jutta Cordt: Ich bin der fes­ten Über­zeu­gung: Je frü­her man mit der Inte­gra­ti­ons­ar­beit beginnt, desto bes­ser kann Inte­gra­tion gelin­gen. Dazu gehört auch, dass unsere Asyl­ver­fah­ren im gebo­te­nen Maße zeit­nah durch­ge­führt und ent­schie­den wer­den. Inso­fern ist es viel­leicht keine Bedin­gung, die zwin­gend erfüllt sein muss, aber sicher­lich eine wich­tige Unter­stüt­zung.

Das BAMF hat in die­sem Jahr eher durch Män­gel und Feh­ler bei der Bear­bei­tung von Asyl­an­trä­gen Schlag­zei­len gemacht. Bleibt bei deren Auf­ar­bei­tung und Besei­ti­gung noch Kapa­zi­tät für Inte­gra­ti­ons­ar­beit? Oder müs­sen sie die zwangs­läu­fig hin­ten anstel­len?
Wir haben aus mei­ner Sicht in die­sem Jahr sehr solide Arbeit geleis­tet. Wir haben bereits über 500.000 Ver­fah­ren ent­schie­den – und arbei­ten kon­ti­nu­ier­lich an allen Stell­schrau­ben wei­ter. So haben wir bei­spiels­weise ein umfang­rei­ches Qua­li­täts­si­che­rungs­sys­tem ein­be­zo­gen und unsere Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter ste­tig wei­ter qua­li­fi­ziert. Es ist eine große Her­aus­for­de­rung, den Men­schen, die nach lan­ger Flucht und vol­ler Erwar­tun­gen nach Deutsch­land gekom­men sind, gerecht zu wer­den. Dazu gehört zum einen ein zeit­na­hes Asyl­ver­fah­ren und zum ande­ren – und wir arbei­ten hier über­grei­fend – das Thema früh­zei­tige Inte­gra­tion. Für uns war beson­ders wich­tig, aus­rei­chend Inte­gra­ti­ons­kurse anzu­bie­ten, in denen Spra­che und kul­tu­relle Werte ver­mit­telt wer­den. Hier soll­ten auch die War­te­zei­ten, bis jemand in den Inte­gra­ti­ons­kurs gehen kann, ver­kürzt wer­den. Wir haben Pilot­pro­jekte gestar­tet und uns deut­lich ver­bes­sert.

Als Sie Ihr Amt antra­ten, schob das BAMF 430.000 Asyl­an­träge vor sich her. Viele davon lagen seit zwei Jah­ren oder län­ger. Wie ist der Stand jetzt? Wie lang ist die durch­schnitt­li­che Ver­fah­rens­dauer?
Bei den Rück­stän­den haben wir uns zum Ziel gesetzt, die­ses Jahr „rück­stands­frei“ zu wer­den. Das wird nie Null bedeu­ten, weil immer wie­der Anträge dazu­kom­men. Aber wir sind auf einem guten Weg, aktu­ell sind weni­ger als 100.000 Asyl­ver­fah­ren anhän­gig. Wir müs­sen zwi­schen der durch­schnitt­li­chen Dauer aller Alt­ver­fah­ren, die wir abbauen, und der Neu­ver­fah­ren unter­schei­den: Die durch­schnitt­li­che Asyl­ver­fah­rens­dauer beträgt über alle Ver­fah­ren gese­hen knapp elf Monate. Wir mes­sen von Antrag­stel­lung bis zum Bescheid. In den elf Mona­ten Durch­schnitts­dauer ste­cken auch all die­je­ni­gen, die in 2016, 2015 und 2014 zu uns gekom­men sind und erst in die­sem Jahr ent­schie­den wur­den. Das erklärt die­sen hohen Durch­schnitts­wert. Aber wir haben viel an unse­ren Pro­zes­sen ver­bes­sert: Bei den Men­schen, die 2017 zu uns gekom­men sind, dau­ern die Ver­fah­ren schon nur noch rund zwei Monate.

Sie haben ange­kün­digt, Asyl­be­wer­ber schon vor dem Bescheid zu infor­mie­ren, wenn die Blei­be­per­spek­tive schlecht aus­sieht, sodass die über eine frei­wil­lige Rück­kehr nach­den­ken kön­nen. Das könnte man so ver­ste­hen, dass Sie die müh­se­lige Inte­gra­ti­ons­ar­beit redu­zie­ren wol­len, ehe sie über­haupt anfängt?
Nein. Man muss unter­schei­den, wer in Deutsch­land Schutz bekommt, wem Asyl gewährt wird und wem nicht. Bei den­je­ni­gen, denen Schutz gewährt wird bzw. wurde, beginnt die Inte­gra­ti­ons­ar­beit. Bei den­je­ni­gen, die nach
dem Recht kein Anspruch dar­auf ha­ben, hier­zu­blei­ben, steht nicht die Inte­gra­ti­ons­ar­beit im Vor­der­grund, son­dern die Rück­kehr. Das ist im Asyl­sys­tem imma­nent. Inso­fern konzen­trieren wir uns in der Inte­gra­ti­ons­ar­beit auf die­je­ni­gen, die hier blei­ben dür­fen.

Zehn Pro­zent der Flücht­linge haben eine aka­de­mi­sche Aus­bil­dung, deren Ver­mitt­lung sei rela­tiv ein­fach, sagen Sie. Aber was ist mit den 70 Pro­zent, die keine Aus­bil­dung nach deut­schen Stan­dards haben, was muss und kann für deren Inte­gra­tion getan wer­den?
Das ist immer eine Frage von: „Was ver­steht man unter Inte­gra­tion?“ Sie spit­zen es jetzt auf Arbeit und Aus­bil­dung zu. Hier hat die Bun­des­agen­tur für Arbeit sehr viele Maß­nah­men auf­ge­setzt, um Vor­aus­set­zun­gen für das Gelin­gen von Inte­gra­tion zu schaf­fen. Das BAMF setzt einen Schwer­punkt auf den Erwerb der deut­schen Spra­che und kul­tu­rel­ler Werte – wir schauen dabei sehr genau, was der Ein­zelne benö­tigt: Ein Analpha­bet braucht bei­spiels­weise einen ande­ren Inte­gra­ti­ons­kurs als jemand, der schon stu­diert hat und unser Schrift­bild kennt. Eine Mut­ter oder ein Jugend­li­cher viel­leicht wie­der eine ganz andere Maß­nahme. Wir bie­ten, auch in Zusam­men­ar­beit mit der Bun­des­agen­tur, kom­bi­nierte Maß­nah­men an, um in bestimmte Berufe ein­zu­stei­gen. Am Vor­mit­tag Spra­che, am Nach­mit­tag Beruf, so ler­nen sich dann bei­spiels­weise auch Fach­ter­mini leich­ter. Beruf­li­che Qua­li­fi­ka­tion und Fer­tig­kei­ten müs­sen ggf. über Arbeits­markt­po­li­tik bei der Bun­des­agen­tur für Arbeit geleis­tet wer­den.

Wo lie­gen die Gren­zen des­sen, was das BAMF für Inte­gra­tion leis­ten kann? Wo gibt es Mög­lich­kei­ten für Inte­gra­ti­ons­un­ter­stüt­zung – auch über die Auf­ga­ben hin­aus, die Sie eben beschrie­ben haben?
Wir bie­ten noch mehr als Inte­gra­ti­ons- und Sprach­kurse. Das sind sehr wich­tige Bau­steine, in denen wir kul­tu­relle Werte und sprach­li­che Fer­tig­kei­ten ver­mit­teln. Dar­über hin­aus för­dern wir aber auch Begeg­nungs- und Men­to­ren­pro­jekte, bie­ten Mul­ti­pli­ka­to­ren­schu­lun­gen an und stär­ken das Ehren­amt, in dem wir bei­spiels­weise in unse­ren 14 „Houses of Res­sour­ces“ bedarfs­ori­en­tiert und fle­xi­bel die Arbeit von Migran­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen und Ehren­amt­li­chen unter­stüt­zen – sei es in Form von Bera­tung, Räu­men oder finan­zi­el­len Mit­teln. Wir unter­stüt­zen in hohem Maße die Ver­eins­ar­beit im Sport, die eben­falls für Inte­gra­tion wich­tig ist. Wir för­dern Migra­ti­ons­be­ra­tung, d. h. Bera­tung der Men­schen auf dem Weg in die deut­sche Gesell­schaft hin­ein. Ich bin der fes­ten Über­zeu­gung, dass es uns am bes­ten gelingt, wenn wir unsere Pro­jekte mit allen Anbie­tern und Insti­tu­tio­nen, die an dem Thema Inte­gra­tion arbei­ten, gut ver­net­zen.

Im BAMF ist unter ande­rem die Geschäfts­stelle der Deut­schen Islam­kon­fe­renz ange­sie­delt. Ist das ein über klas­si­sche arbeits­markt- und kul­tur­nahe Inte­gra­ti­ons­ar­beit hin­aus­ge­hen­der Ansatz für kul­tu­relle Inte­gra­tion?
Selbst­ver­ständ­lich. Die Deut­sche Islam­kon­fe­renz ist ein Gesprächs­fo­rum mit und für den Islam in unse­rer Gesell­schaft. Dia­log und Ver­net­zung spie­len hier eine zen­trale Rolle und rei­chen in viele Berei­che mit hin­ein, auch in den Ansatz der kul­tu­rel­len Inte­gra­tion.

Die Initia­tive von Kul­tur­rat und Bun­des­mi­nis­te­rien heißt „Initia­tive kul­tu­relle Inte­gra­tion“. Hat die­ses Attri­but für Sie per­sön­lich und für das BAMF eine Bedeu­tung? Oder ist das Kul­tu­relle etwas, das über Ihre Auf­ga­ben und Mög­lich­kei­ten als Behörde hin­aus­reicht – eben ein eher unver­bind­li­ches „nice to have“?
Das würde ich nicht sagen. Es kommt natür­lich immer drauf an, wie man kul­tu­relle Inte­gra­tion defi­niert. Die Initia­tive des Kul­tur­ra­tes hat mit dem Begriff „kul­tu­rel­ler Inte­gra­tion“ einen rela­tiv brei­ten Ansatz gewählt, der sehr gut die Arbeit trifft, die wir leis­ten und finan­zi­ell för­dern. Z. B. wie wich­tig ist Ver­mitt­lung von Wer­ten, wie wich­tig ist das Grund­ge­setz? Das alles sind Ele­mente des Inte­gra­ti­ons­kur­ses. Auch mit unse­rer Pro­jekt­för­de­rung unter­stüt­zen wir Pro­jekte zur kul­tu­rel­len Inte­gra­tion, viele Ini­tiativen von Ehren­amt­li­chen die­nen der kul­tu­rel­len Inte­gra­tion.

Sowohl in den Debat­ten vor und nach der Bun­des­tags­wahl als auch im Wahl­er­geb­nis mani­fes­tie­ren sich teil­weise frem­den­feind­li­che Posi­tio­nen. Hat das Aus­wir­kun­gen auf die Orga­ni­sa­tion von Inte­gra­ti­ons­ar­beit? Ent­steht da ein gesell­schaft­li­cher Druck auf Mit­ar­bei­ter des BAMF – von wel­cher Seite auch immer?
Die Frage gilt ins­ge­samt für Deutsch­land: Wie stel­len wir uns die­sem Thema? Für uns als Behörde, die gel­ten­des Recht umsetzt, kommt es dar­auf an, unsere Instru­mente gut aus­zu­rich­ten und sehr trans­pa­rent zu machen. Auch Pres­se­ar­beit dient dazu, unsere Mög­lich­kei­ten, Men­schen zusam­men­zu­füh­ren, auf­zu­zei­gen – auch um vor­han­dene Ängste zu neh­men. Ich glaube, das gelingt umso bes­ser, je trans­pa­ren­ter man ist und zeigt, was Inte­gra­tion bedeu­tet – was es bedeu­tet, wenn wir Men­schen, die auf dem Flucht­weg zu uns kom­men, inte­grie­ren wol­len; was es auch für die Men­schen, die schon in Deutsch­land sind, bedeu­tet. Da ist Trans­pa­renz ein guter Weg.

Vor dem Hin­ter­grund Ihrer Erfah­run­gen bei der Bun­des­agen­tur für Arbeit, der Sie lang­jäh­rig ver­bun­den waren, und beim BAMF: Wo ist der größte Hand­lungs­be­darf, damit Inte­gra­tion auch als kul­tu­relle Inte­gra­tion gelingt?
Man kann den größ­ten Hand­lungs­be­darf nicht einer Insti­tu­tion allein zuge­ste­hen oder zuschie­ben. Es muss ein Inein­an­der­grei­fen des­sen sein, was man, gerade im behörd­li­chen Bereich, mit­ein­an­der machen kann. Z. B. füh­ren wir das Gesamt­pro­gramm Spra­che durch. Das ist aber nur so gut, wie die Bun­des­agen­tur mit dem, was wir an Spra­che ver­mit­teln, wei­ter­ar­bei­ten kann und der Arbeit­ge­ber nach­her den Men­schen inte­grie­ren kann. Es kommt also dar­auf an, unsere Sprach­kurse gut aus­zu­stat­ten. Das machen wir. Wir las­sen uns bei­spiels­weise von der Bun­des­agen­tur regel­mä­ßig mit­tei­len: Wo braucht ihr Kurse? In wel­chem Sprach­ni­veau? In wel­chen beruf­li­chen Fel­dern? Dann ver­su­chen wir, die Kurse dort im nö­tigen Umfang anzu­bie­ten. Die Her­aus­for­de­rung besteht darin, die vie­len Ange­bote gut mit­ein­an­der zu ver­net­zen, abzu­stim­men und nicht par­al­lel neben­ein­an­der her lau­fen zu las­sen.

Wenn Sie für ein kur­zes Wer­be­vi­deo über beson­ders gut lau­fende Inte­gra­ti­ons­ar­beit des BAMF drei Pro­jekte nen­nen soll­ten, wel­che wären das?
Auf jeden Fall ers­tens die För­de­rung im sport­li­chen Bereich. Durch gemein­sa­men Sport lernt man eine ganze Menge. Man ist Teil, man kann mit­be­stim­men, gemein­sam etwas gestal­ten. Der zweite unver­zicht­bare Punkt ist die Unter­stüt­zung des Ehren­am­tes. Es ist tra­di­tio­nell in Deutsch­land eine ganz wich­tige Stütze der Inte­gra­tion. Und ohne das Ehren­amt hät­ten wir die Situa­tion in Deutsch­land in den letz­ten zwei Jah­ren nicht so gut bewäl­tigt. Der dritte Punkt ist für mich auf jeden Fall der Inte­gra­ti­ons­kurs, in dem die Basis für Ver­stän­di­gung und kul­tu­rel­les Ver­ständ­nis in Deutsch­land gelegt wird. Das ist unver­zicht­ba­rer Teil von Inte­gra­tion.

Von |2019-06-10T17:29:52+02:00November 21st, 2017|Einwanderungsgesellschaft|Kommentare deaktiviert für

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Die Arbeit des Bun­des­am­tes für Migra­tion und Flücht­linge (BAMF)

Jutta Cordt & Hans Jessen
Jutta Cordt ist Präsidentin des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Hans Jessen ist freier Journalist und Publizist. Er war langjähriger ARD-Hauptstadtkorrespondent.