Braun­schweich, Braun­schweich

Musi­ka­li­sche Hei­mat­pflege

Gabriele Schulz spricht mit dem Musi­ker und Kom­po­nis­ten Chris­tian Eit­ner über das Bepin­seln der Hei­mat­seele, Allein­stel­lungs­merk­male und Musi­ker als Bot­schaf­ter.

Gabriele Schulz: Herr Eit­ner, wie kommt man eigent­lich als Musi­ker dazu, sich mit sei­ner Hei­mat­stadt Braun­schweig zu befas­sen?
Chris­tian Eit­ner: Zum einen ist mein Vater so ein rich­tig wasch­ech­ter Braun­schwei­ger gewe­sen, der in der Klin­ter­kla­ter-Gegend groß gewor­den ist. Für Nicht-Braun­schwei­ger: Unter Klin­ter­kla­ter wur­den ins­be­son­dere im 19. Jahr­hun­dert jene Wohn­ge­gen­den bezeich­net, in denen Arme leb­ten. Von daher habe ich sehr viel Braun­schwei­gi­sches mit­be­kom­men. Gleich­zei­tig bin ich einer derer gewe­sen, die nicht unbe­dingt weg­woll­ten aus der Hei­mat. Also, als Musi­ker nach Ber­lin, Köln, Mün­chen, wo die gro­ßen Medien oder die Plat­ten­fir­men sind. Ich war zwar als Musi­ker mit einem Elek­tro­nik­pro­jekt viel in den USA auf Tour, war im Stu­dio und hatte einen Ach­tungs­er­folg. Dann war ich in Deutsch­land mit der Jazz­kan­tine unter­wegs. Mir reichte irgend­wann das Unter­wegs­sein. Ich brauchte die kon­ti­nu­ier­li­che räum­li­che Ver­än­de­rung nicht mehr. Mit der Jazz­kan­tine wurde mir klar, dass man durch­aus auch aus der Region her­aus erfolg­reich Musik machen kann. Ich brau­che nicht mehr ins ganz große Ton­stu­dio nach Ber­lin oder Ham­burg. Inzwi­schen kann ich aus mei­nem Home-Stu­dio alles machen. Und ich hatte immer schon eine große Liebe zu Braun­schweig, habe mich hier immer wohl­ge­fühlt, war immer schon gro­ßer Fan von Ein­tracht Braun­schweig und vom Thea­ter. Außer­dem habe ich gese­hen, dass es ein Vor­teil ist, die­ses Netz­werk in einer Stadt mitt­le­rer Größe nut­zen zu kön­nen. Die Wege sind klein, man kennt sich.

Und wie ging es dann mit dem Thea­ter los?
Der Anfang war 2003 „Braun­schweich, Braun­schweich! Ein Hei­mat­abend mit der Jazz­kan­tine“, eine Zusam­men­ar­beit der Jazz­kan­tine mit dem Staats­thea­ter Braun­schweig. Wir haben „Braun­schweich, Braun­schweich!“ als Hei­mat-Musi­cal auf die Bühne gebracht und hat­ten einen tol­len Erfolg. Das war für uns der Moment, an dem wir gemerkt haben: Boah, das ist ja ein Thema, was die Stadt anschei­nend sehr, sehr inter­es­siert. In den Jah­ren ist es mehr und mehr gewach­sen. Denn wir haben zuneh­mend gemerkt, dass das eine Markt­lü­cke ist, die ein Staats­thea­ter so nicht bedie­nen kann. Damit sind wir quasi Spe­zia­lis­ten im Regio­nal­thea­ter gewor­den.

Wenn Sie auf die Stadt gucken, stel­len Sie eine Ver­än­de­rung durch die Wie­der­ver­ei­ni­gung fest? Braun­schweig war lange Zeit letzte Groß­stadt vor der Grenze.
Klar. Braun­schweig ist in den Jah­ren des Kal­ten Krie­ges in eine Art Nie­mands­land, Zonen­rand­ge­biet, wie es hieß, abge­rutscht. Dar­aus, zusam­men mit einer schlimm zer­stör­ten Alt­stadt und dem ewi­gen Zwist mit Han­no­ver, ent­stand ein Kom­plex. Das ist ein guter Nähr­bo­den, aber auch eine Her­aus­for­de­rung, hier Thea­ter zu spie­len und die regio­na­len Aspekte mit ein­zu­brin­gen. Ich merke, dass das Publi­kum das wirk­lich auf­saugt und irgend­wie Iden­ti­tät sucht. In mei­nen Augen ist es eine Rie­sen­chance für Kul­tur­schaf­fende, genau diese Sehn­süchte zu bedie­nen, oder, wenn man in die­ser Stadt groß gewor­den ist, die Seele ein Stück weit zu bepin­seln, aber auch alte Lie­der, alte Texte raus­zu­kra­men und damit eine Art musi­ka­li­sche Hei­mat­pflege zu machen.

Wie kann ich mir die musi­ka­li­sche Hei­mat­pflege vor­stel­len? Wie kom­men Sie an die Melo­dien?
Es gibt aus den 1960er und 1970er Jah­ren durch­aus ein paar alte Schall­plat­ten. Man­ches gibt es notiert im Staats­thea­ter- oder im Stadt­ar­chiv. Ansons­ten fahre ich zum Hei­mat­ver­ein, z. B. nach Ölper, oder ich gehe in einen Alten­stift mit einem Dik­tier­ge­rät und frage nach, was es für Lie­der gibt. Wenn wir die Lie­der spie­len, spüre ich, wie ange­rührt das Publi­kum ist. Dar­aus ent­steht ein emo­tio­na­les Hin und Her. Mit der Jazz­kan­tine haben wir eine ganze CD über Volks­lie­der gemacht. Wir haben sie vom Nazi-Miss­brauch befreit und in ver­jazz­ter Ver­sion gespielt. Das ist eine Art zu zei­gen: Ich liebe meine Hei­mat und ich liebe meine Hei­mat­stadt. Ich liebe die Schrul­lig­kei­ten, den Lokal­ko­lo­rit und auch die alten Lie­der. Das ist mir wich­tig, gerade mit Blick auf die ver­meint­lich gro­ßen The­men wie Digi­ta­li­sie­rung oder Glo­ba­li­sie­rung.

Typisch für Braun­schweig ist auch die Spra­che, wie z. B. der alles domi­nie­rende Vokal „A“. Das grei­fen Sie auch in Stü­cken auf. Ist das auch eine Art Hei­mat­pflege?
Abso­lut. Das gilt für Worte, wie z. B. „gat­schen“ für reg­nen, aber auch für die Aus­spra­che, wie das von Ihnen erwähnte „A“, das andere Vokale ersetzt. Ich spüre das beson­ders in der Rolle der Har­fen-Agnes, einer Bän­kel­sän­ge­rin, die als Braun­schwei­ger Ori­gi­nal gilt. Har­fen-Agnes trat in einem immer glei­chen „Kos­tüm“ bei Volks­fes­ten auf und trug ihre selbst gedich­te­ten, teils fri­vo­len Lie­der vor. Im Stück „Mensch Agnes!“, das im Staats­thea­ter gespielt wurde, haben wir aber zugleich the­ma­ti­siert, dass Har­fen-Agnes im Zuge der Eutha­na­sie wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus nach Königs­lut­ter zwangs­ein­ge­wie­sen wurde und dort noch vor der Depor­ta­tion ver­starb. Hei­mat kann also auch alles andere als eine heile Welt sein.

Braun­schweig ist eine Stadt, die sehr stark durch Flucht und Ver­trei­bung gekenn­zeich­net ist. Wer ist denn über­haupt der „rich­tige“ oder „alte“ Braun­schwei­ger? Wenn ich zurück­denke, in mei­ner Kind­heit und Jugend hing in vie­len Fens­tern ein Glas­bild von Königs­berg oder ande­ren Städ­ten. Viele hat­ten Ver­wandte z. B. in Mag­de­burg. Sind das inzwi­schen auch Braun­schwei­ger?
Ich teile Ihre Beschrei­bung und ich denke, viele, die durch Krieg und Ver­trei­bung in Braun­schweig gelan­det sind, sind inzwi­schen genauso Braun­schwei­ger wie jene, die nach 1990 hier­her zogen, oder die vie­len Men­schen, die seit den 1950er Jah­ren als Arbeits­mi­gran­ten kamen. Dar­aus ent­ste­hen inter­es­sante Dis­kus­sio­nen, gerade auch mit Blick auf das Flücht­lings­thema.

Bei Stü­cken wie „Spiel mir das Lied vom Löwen“ oder auch „Win­ter­kla­ter“ spre­chen Sie gesell­schaft­li­che The­men wie z. B. Migra­tion, Flucht und Ver­trei­bung an. Sind diese Stü­cke eine Chance, an ein brei­tes Publi­kum gesell­schafts­po­li­ti­sche Bot­schaf­ten zu adres­sie­ren?
Klar. Wenn ich bei „Spiel mir das Lied vom Löwen“, das in zwei Jah­ren 30.000 Zuschauer hatte, von Wirt­schafts­flücht­lin­gen spre­che, die Braun­schweig ver­las­sen haben, um in den USA Jobs zu suchen, dann ent­steht bei vie­len ein Aha-Erleb­nis. Oder wenn ich fest­stelle, dass nach dem Zwei­ten Welt­krieg nicht eine Mil­lion Flücht­linge in Deutsch­land Zuflucht gesucht haben, son­dern es zwölf Mil­lio­nen Geflüch­tete waren und viele in Braun­schweig gelan­det sind. Dann ist das ein Moment, an dem man Men­schen zum Nach­den­ken bringt – und zwar jeder­mann, auch den Typen im Ein­tracht-Schal, der ansons­ten nicht offen für sol­che The­men ist. Und die­sen Kon­takt bekomme ich in einem Thea­ter­stück gut hin, wenn ich die Leute ein Stück weit „weich­ko­che“ oder durch die Stadt­ge­schichte vor­be­reite. Wenn ich es vor­be­reite und dem Publi­kum so erkläre, wie facet­ten­reich, wie bunt unsere Stadt ist und wie schön es ist, dass es eben diese Facet­ten gibt, dar­aus ent­ste­hen starke Momente. Und ich glaube schon, dass Pop-, Jazz-, Rock­künst­ler tolle Mul­ti­pli­ka­to­ren und Part­ner für all diese wich­ti­gen The­men sind, ob es jetzt ein Live-Aid-Kon­zert ist oder Rock gegen rechte Gewalt.

Sie hat­ten ein­gangs unter ande­rem gesagt, dass Braun­schweig als Groß­stadt den­noch eine gewisse Über­sicht­lich­keit hat, sodass man sich immer wie­der über den Weg läuft. Ist dies ein Vor­teil von der Hei­mat Braun­schweig?
Ja, das finde ich schon. Es ist eine Stadt in einer Grö­ßen­ord­nung, in der einem in ein­schlä­gi­gen Knei­pen, Gast­stät­ten, Dis­kos, Thea­tern und Kinos eine Schnitt­menge an Leu­ten immer wie­der über den Weg läuft und dann gemein­sam was auf die Beine stellt. Ich habe das immer als sehr ange­nehm emp­fun­den. Es ist auch eine Stadt, die ihre Wun­den hat. Wenn man das kapiert, wird dies ein Nähr­bo­den für viele The­men, die gesell­schaft­lich rele­vant sind und zugleich an der Lebens­rea­li­tät der Men­schen anknüp­fen. Schon mit der Jazz­kan­tine haben wir nach etwas Beson­de­rem gesucht, einem Zwi­schen­ding zwi­schen Jazz, Hip-Hop und deut­schen Tex­ten. Was die Stü­cke angeht, gibt es nicht so viele, die etwas Ver­gleich­ba­res hier in der Stadt machen. Das betrifft das musi­ka­li­sche Niveau, das „Sur­roun­ding“, die Stü­cke und dann die Inter­ak­tion, wie Außen­sze­nen bei „Spiel mir das Lied vom Löwen“ oder im Win­ter­thea­ter die Ver­pfle­gung mit Brot und Wurst oder Braun­kohl und Bre­gen­wurst. Das ist sehr auf­wen­dig, oft sehr ner­ven­rau­bend und auch teuer, aber gleich­zei­tig bie­tet es einen beson­de­ren Mehr­wert. Wir ver­su­chen, For­mate zu erfin­den, die Allein­stel­lungs­merk­male haben.

Dem kann ich nur zustim­men. Herz­li­chen Dank für das Gespräch.

Die­ses Inter­view ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 03/2019.

Von |2019-06-18T11:09:50+02:00Februar 27th, 2019|Heimat|Kommentare deaktiviert für

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Musi­ka­li­sche Hei­mat­pflege

Christian Eitner & Gabriele Schulz
Christian Eitner ist Musiker, Komponist, Musikproduzent und Künstlerischer Leiter von "Pop meets Classic" sowie der Produktionsfirma monofon, die für das Wintertheater im Spiegelzelt sowie diverse Theaterproduktionen in den Sommermonaten in Braunschweig verantwortlich ist. Im Juni 2019 hat die Neuproduktion "Hyper Hyper" im Staatstheater Braunschweig Premiere. Gabriele Schulz ist Stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen Kulturrates. Beide sind Braunschweiger.