Dis­kus­sion: „Kon­ti­nui­tä­ten des Anti­se­mi­tis­mus. Zwi­schen Lügen, Abwehr und Kon­kur­renz“

Wann: Mitt­woch, 28.10.2020, 20 Uhr

Wo: Volks­bühne Ber­lin, Gro­ßes Haus

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Die Angst vor Kul­tur- und Iden­ti­täts­ver­lust hat einen zen­tra­len Platz in gesell­schaft­li­chen, poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Debat­ten ein­ge­nom­men. Dar­aus folgt eine Par­ti­ku­la­ri­sie­rung in Freund-Feind Ant­ago­nis­men und eine Emo­tio­na­li­sie­rung von Poli­tik. Die Idee einer uni­ver­sa­lis­ti­schen Gesell­schaft scheint ein Aus­lauf­mo­del zu sein. Eine Zunahme anti­se­mi­ti­scher Rhe­to­ri­ken und Ste­reo­ty­pi­sie­run­gen zeigt, wie kul­ti­viert und tra­diert der Anti­se­mi­tis­mus und seine Codes sind. Die „Kon­ti­nui­tä­ten des Anti­se­mi­tis­mus“ sind Anlass der Ver­an­stal­tungs­reihe des Forum demo­kra­ti­sche Kul­tur und zeit­ge­nös­si­sche Kunst.

Die älteste erhal­tene „Juden­sau” hängt seit 1230 im Dom zu Bran­den­burg. Das Kir­chen­re­lief soll die Unrein­heit der Juden dar­stel­len. Eine wei­tere hängt seit 1280 bis heute am Süd­ost­tor des Köl­ner Doms. Im 13. Jahr­hun­dert fand auch die Legende der Ritu­al­morde ihren Weg von Eng­land nach Deutsch­land. Sie besagt, dass Juden für magi­sche und medi­zi­ni­sche Rituale wäh­rend des Pes­sach Fests christ­li­che Kin­der töten und ihr Blut trin­ken. Auch Mar­tin Luther diente die Legende dazu, allen Juden heim­li­che Mord­ab­sich­ten an Chris­ten zu unter­stel­len.

Die Jahr­hun­derte alte Ritu­al­mord­le­gende lebt mit der aktu­ell popu­lärs­ten Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie „QAnon” wie­der auf. Ihre Anhän­ge­rin­nen und Anhän­ger behaup­ten, dass Eli­ten aus libe­ra­len Glo­ba­lis­ten und jüdi­schen Ban­kern mit dem in sata­ni­schen Ritua­len gewon­ne­nen Blut ent­führ­ter Kin­der ihr eige­nes Leben ver­län­gern wol­len. Auf den tie­fen Anti­se­mi­tis­mus, der die­ser Ideo­lo­gie zugrunde liegt, wird jedoch höchs­tens am Rande ein­ge­gan­gen. In den USA fin­den sich bereits QAnon-Anhän­ge­rin­nen und -Anhän­ger im Kabi­nett von Donald J. Trump. Xavier Naidoo, Deutsch­lands pro­mi­nen­tes­ter QAnon-Anhän­ger, darf nach einem Urteil des Ober­lan­des­ge­richt Nürn­berg nicht Anti­se­mit genannt wer­den, weil Naidoos Ruf­schä­di­gung durch das Stigma des Anti­se­mi­tis­mus schwe­rer wiegt, als die Gefahr, die von sei­nen Äuße­run­gen aus­geht.

Dabei han­delt es sich kei­nes­wegs um einen Ein­zel­fall oder ledig­lich ein Phä­no­men des anti­se­mi­ti­schen Ver­schwö­rungs­mi­lieus. Auch im Kul­tur­be­reich wer­den Debat­ten über Anti­se­mi­tis­mus immer wie­der auf die Frage ver­scho­ben, ob es sich in den jewei­li­gen Fäl­len über­haupt um Anti­se­mi­tis­mus han­delt und was Anti­se­mi­tis­mus über­haupt ist. Von Anti­se­mi­tis­mus Betrof­fene gera­ten so in die para­doxe Situa­tion sich für ihre Erfah­run­gen und Ein­schät­zun­gen recht­fer­ti­gen zu müs­sen, anstatt offen dar­über spre­chen zu kön­nen. So wie die „Juden­sau aus den Debat­ten um reprä­sen­ta­tive Sta­tuen und deren his­to­ri­schen Kon­text raus­ge­hal­ten wird, ist die reflex­hafte Abwehr der Auf­ar­bei­tung von Anti­se­mi­tis­mus in allen wich­ti­gen Gesell­schafts­de­bat­ten der letz­ten Jahre all­ge­gen­wär­tig. Die Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer des Panels mit anschlie­ßen­der Publi­kums­dis­kus­sion, reflek­tie­ren die Bedeu­tung von Anti­se­mi­tis­mus in aktu­el­len poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Debat­ten.

Die Ver­an­stal­tung ist Teil der Akti­ons­wo­chen gegen Anti­se­mi­tis­mus.

Anetta Kahane ist Autorin und Vor­sit­zende der Ama­deu Anto­nio Stif­tung.

Dr. Patrice Pou­trus ist His­to­ri­ker. Er lehrt und forscht an der Uni­ver­si­tät Erfurt.

Düzen Tek­kal ist Jour­na­lis­tin, Fil­me­ma­che­rin und Grün­de­rin der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tion Hawar.help.

Mode­ra­tion: Tahera Ameer lei­tet den Bereich Anti­se­mi­tis­mus und Ras­sis­mus der Ama­deu Anto­nio Stif­tung.

Von |2020-10-30T10:42:51+01:00Oktober 19th, 2020|Kommentare deaktiviert für Dis­kus­sion: „Kon­ti­nui­tä­ten des Anti­se­mi­tis­mus. Zwi­schen Lügen, Abwehr und Kon­kur­renz“