Andreas Kolb 6. November 2019 Logo_Initiative_print.png

Wie Viel­falt stark macht

Der Vor­stands­vor­sit­zende von McDonald’s Deutsch­land Hol­ger Beeck im Por­trät

Als Assistent Manager startete Holger Beeck 1984 seine Karriere bei McDonald’s in Deutschland und übernahm nach nur drei Jahren die Leitung eines Mönchengladbacher Restaurants. Die folgenden Jahre führten Holger Beeck durch die verschiedensten leitenden Bereiche des Unternehmens. Seit dem 1. Dezember 2013 fungiert Holger Beeck als Vorstandsvorsitzender der McDonald’s Deutschland. Sie fragen sich vielleicht beim Lesen dieser Zeilen bereits, warum Politik & Kultur einen McDonald’s-Vorstand porträtiert? Die Antworten finden Sie im folgenden Text.

„Mit einem klaren Statement gegen Fremdenhass und für Willkommenskultur“, so die Homepage des Konzerns, „will McDonald’s einen Beitrag zur Integration von Flüchtlingen in Deutschland leisten.“ McDonald’s hat nach eigenen Angaben allein im Jahr 2017 mehr als 1.300 Flüchtlinge eingestellt und Sprachkurse unter dem Dach von „Wir zusammen – Integrations-Initiative der deutschen Wirtschaft“ gesponsert. Über 230 Unternehmen haben sich seit 2016 mit ihren Projekten der Initiative angeschlossen und mit der Unterstützung von mehr als 24.000 aktiven Mitarbeitern über 33.000 Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert. McDonald’s ist zudem Mitglied der Charta der Vielfalt, eine Arbeitgeberinitiative zur Förderung von Vielfalt in Unternehmen und Institutionen. Sie wurde im Dezember 2006 von vier Unternehmen ins Leben gerufen und wird von Der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Staatsministerin Annette Widmann-Mauz, unterstützt.

Menschen aus mehr als 120 Nationen arbeiten bei McDonald’s Deutschland. Im „Unternehmenssprech“ heißt das dann mitreißend: „Wir wollen besser werden – für noch mehr Vielfalt! Wir glauben, dass uns Vielfalt stark macht. Bei uns ist jeder willkommen, vor und hinter dem Tresen. Wir glauben an das Miteinander von Menschen. Egal, wo sie herkommen, was sie lieben und wen sie lieben. Dafür stehen wir – und dafür stehen wir auch ein. Auch auf Facebook, Twitter und Instagram. Als Arbeitgeber setzen wir immer wieder Zeichen für Integration statt Ausgrenzung.“

Seit sechs Jahren ist Holger Beeck als Vorstandsvorsitzender in Verantwortung. Ein Blick auf seine Karriere ist nicht nur per se interessant, sondern illustriert idealtypisch, welche Karrieren bei der deutschen Tochter der amerikanischen Fastfood-Kette mit dem Goldenen M möglich sind. Holger Beeck wurde in Halle an der Saale geboren. Er bezeichnet sich selbst als „Kind einer typischen DDR-Arbeiterfamilie – einer Familie, da können sie die Parteimitglieder nicht an einer Hand abzählen.“ Er war die Ausnahme und befragt, wie man denn zum schwarzen Schaf der Familie werde, meint er: „Es ist nicht mein Verdienst. Es war einfach so. Ich habe als Kind, als Jugendlicher beobachtet. Habe festgestellt, das ist es nicht für mich. Habe diese Beobachtungen nicht für mich behalten können. Das war ein Fehler, da wird man schnell zum Außenseiter. Man wird aber auch von anderen jungen Menschen als jemand anerkannt, der eine Gruppe führen kann. Das war schlecht in der DDR, wenn sie die falsche Gruppe führen.“

Er ging ins Internat und lernte dort sehr jung seine künftige Frau kennen, mit der er inzwischen 40 Jahre verheiratet ist. Beide waren sich einig, dass sie das Leben in der DDR so nicht führen wollten und begannen Ausreiseanträge zu stellen. Beeck zählt 13 Anträge. Den Wehrdienst verweigerte er zwei Mal. Das erste Mal mit 18, das zweite Mal mit 25 Jahren. Am 12. April 1984 war es dann so weit: Mit seiner Frau, die im 9. Monat schwanger war, und seinem fünf Jahre alten Sohn löste er in Magdeburg gegen Vorlage einer Ausreisebescheinigung eine Fahrkarte ohne Rückfahrschein nach Köln. Ohne Pass, quasi staatenlos, fuhren sie in den Westen und gerieten in Auffanglagern in Hessen und Nordrhein-Westfalen in eine Welle von Aussiedlern aus Russland. Beeck wollte so schnell wie möglich von dort weg. Warum nicht? Er war qualifiziert, hatte in der DDR die Polytechnische Oberschule besucht und eine Ausbildung als Matrose der Binnenschifffahrt absolviert. Er bewarb sich auf das erstbeste Angebot als Matrose bei einer Duisburger Öltransportfirma. Doch seine Frau erinnerte ihn: „Wir sind doch hierhergekommen, damit du was anderes machen kannst und nicht, dass du durch die Welt fährst und ich mit zwei Kindern zu Hause sitze.“

Nächster Versuch: Beeck fuhr nach Stuttgart, schlug im Hauptpostamt das Telefonbuch auf und bewarb sich bei der Gebäudereinigungsfirma Wagner in Asperg nahe der Festung Hohenasperg: „Ich bin Holger Beeck, komme aus der DDR und suche Arbeit.“ „Wenn se schaffe wolle, komme se vorbei“, war die Antwort in breitem Schwäbisch und so kam Beeck zu seiner ersten Arbeitsstelle und verdiente gutes Geld. Doch eigentlich suchte Beeck was anderes. In der Rheinischen Post las er, dass McDonald’s Restaurantleiter suche und dafür auch Managementausbildungen anbiete. „Der Auslöser für mich war, dass das ein amerikanisches Unternehmen war. Amerikaner fragen dich nicht, wo du herkommst, sondern wo du hin willst. Die fragen nicht, wer du bist, sondern was du bereit bist zu tun. Was hast du gelernt, was hast du studiert. Irrelevante Sachen. Das macht mich noch nicht zum guten Mitarbeiter. Das war derart meinem Naturell entsprechend, dass ich einfach gar nicht anders konnte.“ Im Rückblick sagt Beeck: „Alles was ich bin, alles was ich gelernt habe, habe ich hier bei McDonald’s gelernt.“ Beeck ist das personifizierte Beispiel dafür, dass man in der Systemgastronomie eben nicht nur sogenannte „McJobs“ ausüben muss. Laut Wikipedia ist ein McJob „ein niedrig dotierter Job im Dienstleistungsbereich mit wenig Würde, wenig Nutzen und ohne Zukunft. Oftmals als befriedigende Karriere bezeichnet von Leuten, die niemals eine gemacht haben.“

McDonald’s forderte im März 2007 erfolglos das Oxford English Dictionary auf, den Eintrag „McJob“ zu ändern, sodass er „einen Job reflektiert, der stimulierend ist und sich auszahlt, der wirkliche Karriereaussichten ebenso bietet wie die Aneignung von Fähigkeiten, die ein Leben lang nützlich sind.“

Holger Beeck legt großen Wert darauf, dass McDonald’s bis zum heutigen Tag ein Chancengeber ist, zugegebenermaßen insbesondere für Personal aus dem unteren Lohnsegment. Egal ob Studenten, die Nebenjobs suchen, Schüler, Hausfrauen und Mütter in Teilzeit, oder Rentner, die ihr Salär aufbessern müssen oder wollen. McDonald’s biete flexible Lösungen für all die, die „schaffe wollen“.

Er erinnert sich an die vielen internen und externen Schulungen auf seinem Weg ins Topmanagement. Beeck wurde Restaurantleiter, dann Leiter von 5, 20, zuletzt 50 Restaurants. Dann ging die Grenze auf und man dachte, der „Ossi“ im Haus könnte Personaler in den neuen Bundesländern machen. „Da war ich noch nicht reif dazu“, erinnert sich Beeck, „ich war zunächst erschrocken: In den paar Monaten des ersten Anschiebens in Ostdeutschland sind mir so viele Menschen begegnet, die genau diejenigen waren, die ich verlassen hatte. Deshalb machte ich den Job nur eine kurze Zeit. Habe die historische Dimension nicht gleich begriffen und auch nicht die ökonomische. Die Wiedervereinigung war ein Booster für ganz Deutschland. Heute weiß ich, dass es das Wunderbarste war, was Deutschland passieren konnte.“ Nach 30 Jahren Wiedervereinigung arbeiten im Westen wie im Osten bei McDonald’s 120 Nationen weitestgehend friedlich zusammen. „Wir sind der Schmelztiegel der Multikultigesellschaft“, sagt Beeck und führt das auf drei Faktoren zurück: 1. Respekt, 2. Regeln und 3. Spaß bei der Arbeit.

Fragt man Beeck, was wichtiger sei für ein Unternehmen wie McDonald’s: Die Tradition mit der Kernmarke „Bulette im Brötchen“ oder die Innovation „neue Produkte“, dann betont er: „Bei uns im Zentrum steht der Gast. Der Gast ist der Einzige, der Geld bringt. Wenn Sie vegan wollen, kriegen sie vegan. Wenn sie Beef wollen, kriegen sie Beef. Die Nachfrage muss mir recht geben.“

Nur wie die Nachfrage befriedigt wird, so Beeck, das unterliege einem ständigen Wandel bei McDonald’s und schwärmt vom digitalen Restaurant der Zukunft. Einer Zukunft, die längst begonnen hat.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 11/2019.

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