Regine Möbius 5. November 2019 Logo_Initiative_print.png

Glas­nost und Pere­stroika

Gor­bat­schow schaffte einst den poli­ti­schen Kli­ma­wech­sel

Innerhalb der SED, der ostdeutschen Einheitspartei, bewegte sich auch Mitte der 1980er Jahre nach wie vor nichts, obwohl es in der Zwei-Millionen-Partei immer wieder stillen Widerspruch und Unzufriedenheit gab. Jährlich stellten etwa 1.000 SED-Mitglieder einen Ausreiseantrag, einigen Hundert soll die Ausreise gelungen sein. In dieser Zeit begann die sowjetische Führung, sich ernsthaft um die Stabilität und Wehrbereitschaft der DDR zu sorgen. Unter diesem Druck war es der SED-Führung besonders wichtig, innenpolitische Stabilität vorzuweisen. Seit 1983 hoffte sie, durch die Gewährung von Tausenden Ausreiseanträgen die politische Opposition zu schwächen bzw. auszuschalten.

Einige westdeutsche Politiker besuchten in den 1980er Jahren die Führungsspitze der SED, unter ihnen Oskar Lafontaine, Franz Josef Strauß, der jahrelang Hauptfeind der SED-Propaganda war, und der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt. Um der Entspannungspolitik willen wurden die innenpolitischen Konflikte in der DDR durch sie übersehen und verdrängt.

In seiner Rede auf der 1. Berliner Begegnung 1981 mit westdeutschen Schriftstellerinnen und Schriftstellern hatte Franz Fühmann – und damit sprach er für viele – die Friedensbewegung der 1980er Jahre als „Ansatz zu dem, was man Weltinnenpolitik von unten nennen könnte“, bezeichnet: „das Aufsprengen eines Teufelskreises, darin Misstrauen und vermehrte Rüstung vermehrtes Misstrauen zeugen.“

Durch die Wahl Michail Gorbatschows zum Generalsekretär der KPdSU im März 1985 kam ein unerwarteter Prozess von oben in Gang, der auf die gleichen Forderungen hinauslief: Aufsprengung des Teufelskreises, Abbau von Misstrauen und Rüstung, also versuchte Weltinnenpolitik.

Sicher war es vermessen, die Berliner Begegnung, auf der zum ersten Mal in der Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik ostdeutsche Künstler und Wissenschaftler offen und öffentlich Kritik an ihrem Staat und ihrer Staatspartei übten, als ein bewusstseinsbildendes Vorspiel zur Gorbatschows Initiativen zu sehen. War die Duldung der Kritik Kalkül oder Hochmut der Polit-Spitze der DDR?

Erich Honecker, der sich von der westdeutschen Politik aufgewertet glaubte, ignorierte vermutlich aus diesem Grund auf dem XI. Parteitag der SED wesentliche Punkte der sich anbahnenden Veränderungen unter Michail Gorbatschow, der seit einem Jahr im Amt war. Obwohl Gorbatschow auf dem XI. Parteitag der SED im April 1986 anwesend war, ging Honecker auf die Entwicklung in der UdSSR nicht ein.

Völlig anders sahen das große Teile der ostdeutschen Bevölkerung. Keiner wurde in der DDR so sehr als Hoffnungsträger begrüßt von weiten Kreisen der Künstler, ja der Intelligenz allgemein wie Gorbatschow. Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) waren seit 1985 die Zauberworte der Zeit, von denen sich die Menschen mehr versprachen als von Parteiprogrammen und Versprechungen. Auffällig war, dass dieser sowjetische Politiker in der Presse der DDR weniger emphatisch gepriesen wurde als in anderen Ländern. Das hing offensichtlich damit zusammen, dass die Parteiführung der DDR aus Gründen der eigenen Machterhaltung versuchte, einen Gegenkurs zu dem Gorbatschows zu steuern. Die Sympathie der Bevölkerung allerdings für Glasnost und Perestroika war ungebrochen. Gorbatschow propagierte ein „neues Denken“ und damit die „Praxis der sozialen Emanzipation“. Fast konnte man von einer zweiten Russischen Revolution sprechen, die tatsächlich nicht nur in diesem großen europäisch-asiatischen Land zu einem Klimawechsel führte. In einem US-Magazin berichtete man vom Gorbi-Fieber. Meinungsumfragen in Westeuropa bescheinigten ihm auch dort eine beeindruckende Popularität. Zu seinen ersten, aufsehenerregenden politischen Schritten gehörten seine dramatischen Abrüstungsappelle, etwa der vertraglich vereinbarte Teststopp mit Kernwaffen vom 6. August 1985 und das Angebot an den Westen, die gegenseitigen Beziehungen auf eine neue Grundlage zu stellen. Seine Denkansätze richtete er gegen „den Teufelskreis des Schürens von Spannungen“ und gegen „die alten Vorstellungen vom Krieg als Mittel zum Erreichen politischer Ziele. (…) Ein neues Denken, das die Welt von heute braucht, ist mit der Vorstellung unvereinbar, dass die Welt irgendjemandes Eigentum ist. Es ist unvereinbar mit Versuchen, sich als Wohltäter aufzuspielen und andere zu bevormunden, unvereinbar mit Belehrungen, wie sich jemand zu verhalten und welchen Weg er zu wählen hat – den sozialistischen, den kapitalistischen oder einen anderen.“

Das war die Steilvorlage für eine breite Demokratiediskussion innerhalb der DDR-Opposition. Dabei waren die Differenzen etwa zwischen den Basis-Demokraten und den Menschenrechtlern nicht nur Varianten unterschiedlicher Orientierungen, sondern auch Konzepte verschiedener politisch-strategischer Vorgehensweisen für die Einleitung eines Demokratisierungsprozesses bzw. den Anschluss an die Reformbewegung in der UdSSR. Dabei sollte weniger das sowjetische System kopiert, sondern vielmehr die politische Erstarrung in der DDR überwunden werden.

Um ein solches Zugeständnis zu vermeiden, ignorierte die DDR-Führung in voller Absicht die Leitbegriffe der sowjetischen Reformpolitik. Doch besonders Künstler und Intellektuelle forderten gesellschaftliche Transparenz. Damit verbunden eine allgemeine Öffentlichkeit, die frei diskutiert, dass ein veränderbares, offenes Gesellschaftssystem oberstes Ziel sein muss. Anders gesagt, eine „Übergangsgesellschaft“ nach Volker Braun, in der das Wissen der wenigen und das Verschweigen für die vielen zu Ende geht. Doch die Frage stand im Raum: Übergang wohin? Der Dramatiker Volker Braun schrieb in einer Anmerkung zu seinem Stück „Transit Europa“, das im Frühjahr 1988 im Deutschen Theater Berlin uraufgeführt wurde: „das exil kann nur modell sein für die heutige befindlichkeit, für unser aller leben im übergang: die wir den alten kontinent unserer gefährlichen gewohnheit und anmaßenden wünsche verlassen müssen, ohne doch das neue ufer zu erkennen zwischen uns“.

Mit den neuen Schlagworten Glasnost und Perestroika hatten sich in der UdSSR spürbare innerpolitische Veränderungen angekündigt. Die Zustimmung der SED-Führung dazu war jedoch geteilt: Während die Abrüstungsappelle Gorbatschows propagandistisch aufgenommen wurden, ignorierte man die ideologischen und innergesellschaftlichen Beziehungen. Klassenkampf als Mittel zur Erhaltung des Friedens blieb in der DDR weiterhin die prägende Parole.

Für Künstlerinnen und Künstler, Schriftstellerinnen und Schriftsteller in der DDR war am Umbau der sowjetischen Gesellschaft und ihrem neuen Denken am interessantesten, wie sich das Konzept „Glasnost“ entwickeln würde, in der Hoffnung, die angekündigte Transparenz der gesellschaftlichen Vorgänge würde auch in dem eingemauerten Land Auswirkungen auf die Autonomie der Kunst haben. Die offizielle Kulturpolitik reagierte allerdings mit Vorsicht und Zurückhaltung. Der Slogan „Von der Sowjet­union lernen heißt siegen lernen“ trat deutlich in den Hintergrund. Auch war nicht mehr die Rede davon, dass die Kulturpolitik der Sowjetunion Vorbild und Mentor sei und man verkleinerte Gorbatschows „neues Denken“ zu einer innersowjetischen Angelegenheit. Diese Interpretation war nicht aufrechtzuerhalten. Eine spürbare Folge sowjetischer Glasnost für alle Kulturinteressierten war, dass plötzlich kritische Bücher, Stücke und Filme, die sich mit den Widersprüchen in der Sowjetunion und ebenso mit denen im eigenen Land beschäftigten dem Publikum zugängig wurden. Auch wenn in der DDR seit 1985 keine lineare Entwicklung in Richtung auf mehr Transparenz stattgefunden hatte, waren Anzeichen da, die ermutigten. So wies Christa Wolf im Mai 1987 bei einem Schriftstellergespräch in Berlin darauf hin, dass z. B. 66 Zeilen, die 1983 aus ihren „Kassandra“-Vorlesungen wegzensiert worden waren, inzwischen zu Aussagen und Forderungen der großen Politik erhoben wurden und in den Zeitungen standen. Die Romane von Günter de Bruyn, Volker Braun oder Christoph Hein erreichten leichter die DDR-Öffentlichkeit. Ein deutsch-deutsches Kulturabkommen kam zustande; infolge wechselseitige Theatergastspiele, eine Kooperation der beiden deutschen Nationalbibliotheken Leipzig und Frankfurt am Main, Christa Wolf bekam den Nationalpreis der DDR, 1. Klasse, Günter Grass konnte gedruckt und Samuel Beckett gespielt werden.

Doch die gewünschte „weit geöffnete Tür“ blieb angelehnt, wie folgende Geschichte beweist, die Gregor Gysi zu erzählen wusste: Gorbatschow, der sich anlässlich der Feiern zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989 mit der SED-Führung traf, habe lange über Reformen gesprochen. Die Genossen im Kreis des Politbüros, im Anschluss nach ihrer Meinung dazu gefragt, hätten alle geschwiegen. So hätte Honecker das Wort wieder ergriffen und von einer Reise nach Magnitogorsk berichtet. Dort wären einige der ihn begleitenden Genossen in ein „Magasin“, ein Lebensmittelgeschäft, gegangen. In diesem Geschäft hätte es keinen Zucker gegeben. Das war Honeckers Erwiderung auf Gorbatschows Reformvorschläge. Und im Raum stand wortlos die vernichtende Kritik: Wenn du nicht mal Zucker besorgen kannst, schreibe mir nicht vor, zu welchen Reformen ich mich entschließen muss.

Trotzdem wurde paradoxerweise gestattet, dass die ausgesuchten FDJler des Fackelzuges Unter den Linden in Berlin an diesem 40. DDR-Jahrestag hinauf auf die Tribüne, auf der Erich Honecker mit Michail Gorbatschow und anderen Parteichefs stand, „Gorbi, Gorbi“ rufen durften.

Dann der Sturz der totalitären kommunistischen Herrschaft in der DDR. Dass er sich gewaltlos ereignete, wird entscheidend auch Gorbatschow zugeschrieben. Die punktuell aufkommende Trauer im Osten Deutschlands um das untergegangene System war wohl nach 1990 die Trauer um das Ende einer Zeit der Bewährung und der Selbstbehauptung, die im Herbst 1989 ihren Höhepunkt hatte.

Was in den kommenden Wochen und Monaten geschah, ist umfänglich dokumentiert worden.

Der berühmte Satz von Michail Gorbatschow „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ galt dem SED-Regime, dessen Zeit zu Ende gegangen war.

In seinem Buch „Das neue Russland. Der Umbruch und das System Putin“ schreibt der gescheiterte Michail Gorbatschow über sein Schicksalsjahr 1991: „Es war bitter, dass die Perestroika auf der Hälfte ihres Weges gestoppt wurde, ja eigentlich sogar am Anfang ihres Weges. Und schon damals hatte ich das Gefühl, dass das Erbe des Totalitarismus in den Traditionen, Köpfen und Sitten äußerst tief verankert war, dass es wohl in allen Poren unseres gesellschaftlichen Organismus sitzt. Daher kam auch die alarmierte Stimmung, die mich damals in all diesen Tagen nicht verlassen hat und die bis heute, 20 Jahre später, nicht verschwunden ist.“

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 11/2019.

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