Isabel Schayani & André Boße 29. Oktober 2019 Logo_Initiative_print.png

„Wir müs­sen zei­gen, was ist“

Die Auf­gabe des Jour­na­lis­mus in der Inte­gra­ti­ons­ge­sell­schaft

Deutschland verändert sich, Deutschland wird vielfältiger. Was bedeutet das für die Gesellschaft und auch für den Journalismus? André Boße spricht mit der TV-Moderatorin und WDRforyou-Verantwortlichen Isabel Schayani über die Aufgabe von Journalismus, die Rolle von Sport für Integration und mehr.

André Boße: Frau Schayani, Sie leiten das Online-Angebot WDRforyou für Geflüchtete. Dort gibt es eine Rubrik, in der Menschen, die neu in der Bundesrepublik sind, berichten, was sie an diesem Land erstaunt. Wann haben Sie zuletzt über die Deutschen gestaunt?

Isabel Schayani: Ich habe über ein Projekt gestaunt, bei dem sich Menschen aus einer katholischen Kirchengemeinde aus dem Erzbistum Köln zusammentun und Flüchtlinge aus dem Ausland hierherholen. Die Gruppe übernimmt die Verantwortung, zahlt die Kaltmiete und begleitet diese Personen. In Ländern wie Kanada und Australien gibt es solche Projekte schon, in Deutschland handelt es sich meines Wissens um das erste dieser Art.

Und was erstaunt Sie so sehr daran?
Dass ein Teil der deutschen Zivilgesellschaft so weit ist, dass er sich selbst organisiert und verbindlich dafür sorgt, dass ein Mensch auf sicherem und vor allem legalem Weg mit dem UNHCR, dem Flüchtlingswerk der UN, in dieses Land kommen kann. Nicht mithilfe von Schleppern und auch nicht über die Balkanroute. Und ich staune auch, dass der Staat diese Migration zulässt – an einer Stelle, wo er ja staatliche Hoheitsrechte ausübt.

Kritiker sprechen vom Kontrollverlust des Staates.
An manchen Orten war das auch so, aber gleichzeitig ist die Zivilgesellschaft erwacht: Viele Menschen in Deutschland haben 2015 Herzen und Hände wieder ausgegraben.

Wie beurteilen Sie aktuell den Diskurs über das Thema Flüchtlinge und Integration in Deutschland?
Schauen wir noch einmal kritisch zurück: 2015 waren wir zunächst alle, wie Pro-Asyl- oder Amnesty-TV, total positiv und euphorisch und überwältigt von unserer eigenen Reaktion. Dann kam die Silvesternacht in Köln – und die Stimmung schlug um. Seitdem hat ein Prozess begonnen, in dem die öffentliche Meinung um Ausgewogenheit ringt. Trotzdem kann das Pendel unangenehm weit ausschlagen, wie wir bei dem Vorfall am Frankfurter Hauptbahnhof Ende Juli gesehen haben, als viele Panik zeigten, weil der in der Schweiz lebende Täter ursprünglich aus Eritrea kam. Generell ist es aber okay und sogar wichtig, wenn das Thema Integration nicht nur als schön wahrgenommen wird. Was mich jedoch stört, ist erstens die in großen Teilen pessimistische Grundhaltung und zweitens beinahe eine Ignoranz gegenüber dem, was die deutsche Zivilgesellschaft seit 2015 geleistet hat.

Sie haben einmal gesagt, Journalismus sei eine Form von Demokratievermittlung. Wie demokratiewirksam sind unabhängige Medien?
Gesagt habe ich das im Zusammenhang mit dem, was wir hier bei WDRforyou machen. Das ist ein Medienangebot für Geflüchtete in vier Sprachen, mit dem wir zum Beispiel erklären, was ist eine Wahl, was ist eine Koalition? Denn die Frage liegt ja auf der Hand: Warum gewinnt eine Partei eine Wahl, muss sich aber die Macht mit anderen Parteien teilen? Wir erklären die Presse- und Meinungsfreiheit, zeigen auf, dass man Politiker kritisieren kann, ohne dafür ins Gefängnis zu kommen. Wir vermitteln also das, was unsere Demokratie auszeichnet – und zwar für ein Publikum, das aus ganz anderen politischen Systemen in unser Land gekommen ist.

Sprich: Sie machen Bildung. Wäre das nicht eher die Aufgabe von Bildungseinrichtungen?
Als öffentlich-rechtliches Medium vermitteln wir ein Verständnis für Demokratie, wenn wir in der Tagesschau über die Entwicklungen in Großbritannien, Italien oder den USA berichten – also darüber, wie sich Demokratie in der Wirklichkeit darstellt und wie sie sich wandelt. Wenn wir wollen, dass die Menschen, die sich bei uns integrieren, bei der Gestaltung unserer Demokratie halbwegs auf Augenhöhe mitreden und mitmachen, dann müssen wir ihnen die wesentlichen Informationen liefern. Ohne dieses Wissen um die Struktur unserer Demokratie ist es kaum möglich, Zeitungsberichte oder die Nachrichten zu verstehen. Nennen wir es: Demokratievermittlung.

Ist die Gesellschaft beim Thema Integration zu ungeduldig?
Ich glaube, viele Deutsche machen sich tatsächlich ein zu einfaches Bild von dem, was Integration bedeutet. Gerade in Deutschland ist die Vorstellung verbreitet, dass Integration mittels eines sechsgliedrigen Pamphlets gelingt, das man als Flüchtling beim Amt bekommt: Durchlesen – und du bist integriert. Aber klar, so läuft es nicht. Integration ist ein Prozess, der über einen langen Zeitraum verläuft. Vielleicht gelingt es auch, den Otto-Normal-Deutschen die Komplexität der Integration zu zeigen. Mit dem Ziel, dass dadurch Fehler vermieden werden, die in früheren Generationen gemacht wurden, als Menschen ins Land kamen und die Deutschen als Signal aussendeten: „Ist ja schön, dass du jetzt bei uns bist – aber wann gehst du denn wieder?“

Gelingt es denn, Flüchtlinge durch Medieninformationen so sehr für die Demokratie zu begeistern, dass sie mitgestalten wollen?
Wir haben über ein paar unserer Neuen berichtet, die mittlerweile in Parteien eingetreten sind oder sich in ihrer Kommune engagieren. Es wäre aber vermessen, zu sagen, das liege allein an unserer Berichterstattung.

Nutzen Sie den Begriff Willkommenskultur noch?
Nein. Das Wort „Willkommen“ hat seine Unschuld verloren.

Ist es in der öffentlichen Diskussion kaputt gegangen?
Vielleicht, ja, wobei man sagen muss, dass „Willkommenskultur“ eine gewisse Art von Naivität inhärent war. Nehme ich „Willkommen“ ernst, hört sich das für mich so an, als dürfe jeder, der kommen will, auch bleiben. Aber so ist es natürlich nicht. Insofern gaukelt der Begriff etwas vor, das sich zwar im ersten Moment schön anhört, beim zweiten Hinschauen aber bar jeder Wirklichkeit ist und sich mit der rechtlichen Situation nicht vereinbaren lässt. Materiell schafft die deutsche Gesellschaft das, aber mental nicht. Erkennbar ist das unter anderem daran, wie sehr sich die deutsche Gesellschaft derzeit spaltet.

Was lässt sich gegen die zunehmende gesellschaftliche Spaltung tun?
Ich denke, es ist wichtig, das, was 2015 passiert ist, als abgeschlossenes Ausnahme-Ereignis zu betrachten. Damit bringt man ein wenig Ruhe in die Debatte. Wobei das Recht auf Asyl natürlich weiterhin gelten muss. Sagen wir es so: Dass, was auf 2015 folgte, fand ich in Teilen großartig. Aber noch einmal bräuchte dieses Land eine solche Situation nicht.

Wie sollten die unabhängigen Medien mit denjenigen umgehen, die diese Spaltung vorantreiben?
Ich denke, Sie sprechen den Umgang mit der AfD an. Das ist eine Partei, die so tut, als stehe sie für die bürgerliche Mehrheit. Was nicht stimmt, sie ist einfach nur sehr laut. Leider gibt es noch kein Patentrezept für den Umgang mit diesen Populisten. Diese klare Strategie fehlt aber nicht nur bei uns in Deutschland, sondern in allen europä-ischen Gesellschaften. Wir sind mit WDRforyou Teil der Tagesschau-Redaktion, ich moderiere den Weltspiegel und kommentiere ab und an in den Tagesthemen – und ich erfahre überall, wie wir Redakteure um diesen richtigen Umgang ringen. Mal gelingt er, mal nicht. Die entscheidende Frage lautet: Wie finden wir einen sachlich-korrekten Umgang, der nicht vor Ideologie überschäumt? Das ist nicht einfach.

Wie sieht das bei Berichten über Migrationsthemen aus?
Ich bemühe mich, ein Bild der Wirklichkeit darzustellen, in dem sich sowohl die Menschen wiederfinden, die seit Generationen in dieser Republik leben, als auch diejenigen, die noch neu in diesem Land sind. Und ich versuche dabei einen Ton zu finden, der Spannungen nicht unter den Tisch kehrt, aber auch Dinge benennt, die gut sind und wo wir vorankommen.

Müssen die Medien als Arbeitgeber offener sein für Menschen mit Integrationsgeschichte?
Das wird sich langfristig sowieso ergeben, weil die deutsche Gesellschaft diverser wird und sich das irgendwann auf alle Bereiche auswirkt. Gut, vielleicht könnte es hier und da mit der Vielfalt etwas schneller vorangehen. Der WDR ist da seit fast 20 Jahren ziemlich aktiv. Was ich natürlich gut finde.

Wo erkennen Sie heute schon eine größere Vielfalt, vielleicht sogar eine Vorbildfunktion?
Kultur und Sport. (überlegt) Und bestimmte Teile der digitalen Wirtschaft leben eine ganz normale Vielfalt. Ich weiß von Firmen, in denen 80 Prozent der Mitarbeiter Besitzer einer Blue Card sind und aus dem Iran, Serbien und Indien kommen. Da sind nur noch die Alten deutsch. Was die Integration über die Arbeit betrifft, läuft es dort gut.

Bei WDRforyou gibt es vergleichsweise wenige Sport-Inhalte; warum?
Als wir anfingen, haben wir Spiele aus der Europa League live auf unserer Online-Seite mit arabischem Kommentar gestreamt, dazu gab es ein paar Sportgeschichten auf Persisch. Leider hat das kaum jemand geschaut. Trotzdem gebe ich Ihnen recht: Da könnten wir mehr machen.

Glauben Sie, dass die Identifikation mit einem Sportverein beim Integrationsprozess hilft?
Andersherum: Wir motivieren unser Publikum, als Aktive oder Aktiver zu einem Verein zu gehen. Die Frage, die uns am häufigsten gestellt wird, lautet: Wie finde ich Freunde? Das ist ein ganz großes Thema für Menschen, die hier angekommen sind und sich fragen, wie sie Anschluss an diese Gesellschaft finden. In diesem Zusammenhang bieten Sportvereine, wie es sie in Deutschland gibt, sehr gute Chancen.

Gibt es im arabischen Raum eine ansatzweise vergleichbare Vereinskultur?
Nein. Ich kenne es eigentlich nur aus Ägypten, und da sind Vereine nur etwas für die Upper class. Die deutschen Vereine hingegen sind echte Integrationsmaschinen.

Wird ihr Potenzial als Integrationsmaschine genügend genutzt?
Ein Kollege, der viel mit Flüchtlingen arbeitet, hat mir etwas erklärt, was mir überhaupt nicht bewusst war: Viele Erwachsene, die neu in Deutschland sind, trauen sich zunächst nicht in die Sportvereine. Aus Angst, angesprochen zu werden und nicht zu wissen, was man von ihnen will und wie sie reagieren sollen. Kinder und Jugendliche haben damit weniger Probleme, aber Erwachsenen fehlt häufig der Mut. Ins Fitnessstudio zu gehen, das funktioniere, aber bei einem organisierten Verein, in dem es auch auf das Interagieren ankommt, bestehe eine Hemmschwelle. Darum ist die Arbeit der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer so wichtig, sie geben Sicherheit und nehmen die Rolle eines Bindeglieds wahr. In diesem Fall zwischen Flüchtling und Sportverein.

Ihr Vater kam in den 1950er -Jahren aus dem Iran nach Deutschland, Sie sind in Essen geboren, Ihre Mutter ist Deutsche. Fühlen Sie sich immer und überall gleich deutsch?
Nein. Als ich zum Beispiel in Chemnitz war, bei der Demo und den folgenden Ausschreitungen, da habe ich mich überhaupt nicht mehr als Deutsche gefühlt. Da hat mir einer gesagt, ich solle zurück in den Iran gehen. Das war aber schon als Kind so: Wie deutsch ich mich fühle, hängt immer von der jeweiligen Situation ab, das verläuft komplementär zum Ort, an dem ich mich gerade aufhalte.

Sie haben Kontakt zu einem Pegida-Demonstranten, dem Sie damals in Chemnitz begegnet sind. Wie rege ist dieser Austausch?
Manchmal rufe ich ihn an und erkundige mich danach, wie er diese oder jene Entwicklung sieht.

Was bringt Ihnen dieser Kontakt?
Durch ihn erfahre ich etwas aus einer anderen sozialen Blase, mit der ich in meinem sonstigen Leben nichts zu tun habe. Ich finde es interessant, diese andere Sicht auf die Welt und die Ereignisse zu hören.

Fühlten Sie Unbehagen, als Sie ihm erstmals in Chemnitz begegnet sind, bei den Ereignissen Ende August 2018?
Da hatte ich am Anfang auch Angst. Wir sind damals dorthin gefahren, weil uns unsere Nutzer geschrieben haben, sie würden sich nicht mehr aus dem Haus trauen, sich auch nicht mehr trauen, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Verständlich, denn woher sollten sie das Vertrauen haben, dass solche Ereignisse lokal begrenzt bleiben? Also mussten wir nach Chemnitz, um zu berichten, was da los ist. Und wir haben erlebt, dass diese Angst definitiv gerechtfertigt war. Sicher waren nicht nur Nazis auf der Straße, aber eben auch, zum Beispiel aus der Chemnitzer Fußballszene.

Darüber dann zu berichten und das zu zeigen: Erhöht man dadurch nicht die Angst?
Diese Frage haben wir uns auch gestellt, was aber wäre die Alternative gewesen? Es nicht zu zeigen?

Eine ähnliche Frage stellt sich auch in der Sportberichterstattung, wenn in einem Stadion homophobe, ausländerfeindliche oder antisemitische Parolen gebrüllt werden.
Wir erfüllen als Medium an dieser Stelle keinen pädagogischen Auftrag. Wir zeigen, erklären und ordnen ein, was Teil unseres Programmauftrags ist. Auch hier ist die Sicht der Leute interessant, die neu in diesem Land sind: Ich hatte bei dem berüchtigten Trauermarsch einen jungen Kollegen aus Syrien dabei, der in Chemnitz studiert. Wir standen ein paar Minuten lang in der kritischen Zone, links von uns die Wasserwerfer der Polizei, rechts der Trauerzug mit Höcke und Co. an der Spitze. Die Situation war extrem angespannt, und ich hatte ein schlechtes Gewissen gegenüber dem neuen Kollegen. Also fragte ich ihn: „Wie geht es dir, was denkst du?“ Und er sagte: „Ich bin neidisch.“ Ich fragte verwundert: „Warum denn das?“ Und er antwortete: „Schau mal, es gibt hier so viele Polizisten, die so viel Geld kosten – und das alles, um die freie Meinungsäußerung zu sichern.“ Da war er wieder, der komplett andere Blickwinkel von Menschen, die ein neuer Teil dieser Gesellschaft sind.

Vielen Dank.

Dieses Interview ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 11/2019.

Copyright: Alle Rechte bei Initiative kulturelle Integration

Adresse: https://www.kulturelle-integration.de/2019/10/29/wir-muessen-zeigen-was-ist/