Regina Peeters 27. September 2019 Logo_Initiative_print.png

Im Haus der frem­den Spra­chen

Das Euro­päi­sche Über­set­zer-Kol­le­gium Nord­rhein-West­fa­len in Strae­len

„Flachland & Nachschlagewerke“, so definierte der Schriftsteller und Übersetzer Arno Schmidt seinen Traum vom schönsten Ort auf Erden, und so könnte auch das Motto des Europäischen Übersetzer-Kollegiums Nordrhein-Westfalen in Straelen lauten: Umgeben von der topfebenen Parklandschaft des Niederrheins liegt die Kleinstadt Straelen, die das weltweit größte Arbeitszentrum für literarische Übersetzer beherbergt und somit auch die umfangreichste Spezialbibliothek für den Berufsstand der Übersetzer international: eine 125.000-bändige Bibliothek mit 35.000 Nachschlagewerken in 275 Sprachen und Dialekten – von Avesta bis Zulu –, eine 65.000-bändige Bibliothek mit Werken der Weltliteratur – meist in Original und Übersetzung – und 25.000 Sachbücher.

Am Anfang hatte eine Vision gestanden: Eine Begegnungsstätte für literarische Übersetzer zu schaffen, einen Ort des kosmopolitischen Austauschs ebenso wie der konzen­trierten Arbeit, ein Haus vieler unterschiedlicher Schriftkulturen mitten in einer Grenzregion. Das unter der Schirmherrschaft von Heinrich Böll, Max Frisch und Samuel Beckett am 10. Januar 1978 gegründete Kollegium ist ganz auf die Bedürfnisse literarischer Übersetzer zugeschnitten. Auf 2.700 Quadratmetern Wohnfläche stehen – neben Bibliotheks- und Tagungsräumen und mehreren Küchen – insgesamt 27 Appartements zum Wohnen und Arbeiten zur Verfügung, die jährlich von über 500 Gästen aus mehr als 50 Ländern genutzt werden.

Die insgesamt sechs Häuser reihen sich um einen zentralen glasüberdachten Hof, wo die Bestände der Bibliothek ihren Ausgang nehmen, um sich über das Galeriegeschoss, durch Stiegenhäuser und Korridore, nach Sprachen geordnet, und weiter bis in die Zimmer zu verzweigen, deren jedes ein bestimmtes Sachgebiet aufnimmt. Keines der 27 Appartements gleicht dem anderen, manche sind zweigeschossig, andere so lang wie ein Ballsaal, alle mit Schreibtischen und Computern ausgestattet.

Die Gäste des Kollegiums kommen aus allen Teilen der Welt. Sie kommen natürlich aus Deutschland, aber auch Brasilien, China, Israel, Mexiko, Polen, Russland oder Vietnam. Und sie bleiben zwischen sechs Wochen und drei Monaten, manche aber auch nur übers Wochenende zum Recherchieren.

Auf den ersten Blick hat das Kollegium etwas Klösterliches. Vielleicht liegt es an dem Innenhof der Bibliothek, der wie ein spanischer Kreuzgang anmutet, oder an der Stille, die den Besucher empfängt. Tatsächlich bietet das Kollegium seinen Gästen jedoch die Möglichkeit, das Klischee des Übersetzers im stillen Kämmerlein Lügen zu strafen. Finanziert wird das Kollegium übrigens hauptsächlich vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, das die gesamten Betriebskosten trägt.

Über 35.000 Übersetzungen wurden in den 40 Jahren erarbeitet: Beispielsweise wurden in Straelen Günter Grass’ „Weites Feld“ ins Portugiesische, Friedrich Nietzsche ins Koreanische, Michael Endes „Unendliche Geschichte“ ins Estnische und Ludwig Wittgenstein ins Persische übersetzt.

Herzstück des Kollegiums bildet die rund um die Uhr zugängliche Bibliothek, die speziell auf die Bedürfnisse literarischer Übersetzer ausgerichtet ist.

Wer selbst schon einmal versucht hat, eine Kurzgeschichte ins Deutsche zu übertragen, wird rasch gemerkt haben, dass literarisches Übersetzen dort anfängt, wo einen die Standardlexika im Stich lassen. Denn was tun, wenn im Text Erfahrungen auftauchen, die der Autor in der Pferdezucht, im Geigenbau oder in der Erotik-Szene gesammelt hat und sich das ganz selbstverständlich im Wortschatz eines Romans niederschlägt? Literarische Übersetzer sind daher eine besondere Benutzergruppe. Sie interessieren sich nicht für ein klar definiertes Fachgebiet oder einen bestimmten Themenkreis. Ihre Recherchen decken fast den gesamten Wissenskosmos ab. Je nach der im Roman abgebildeten – oder konstituierten – Wirklichkeit müssen sich Übersetzer dann innerhalb kürzester Zeit in verschiedenste Fachsprachen einarbeiten, Sachverhalte aus allen Kultur- und Lebensbereichen klären und Zitate aus obskuren Quellen ermitteln.

Gesammelt werden daher vor allem ein- und mehrsprachige Enzyklopädien und Allgemeinwörterbücher in grundsätzlich allen Sprachen und Dialekten sowie eine Vielzahl fachterminologischer Nachschlagewerke aus nahezu allen Bereichen und Epochen: z. B. Literaturlexika, Bibel- und Liedkonkordanzen, technische Fachwörterbücher wie das 17-sprachige Beerdigungsfachwörterbuch – aber auch Wortlisten vom Waidwerk bis zur christlichen Seefahrt, Knast- und Jugendsprache, vielsprachige Versandkataloge und vieles mehr. Das Internet ist natürlich ein wichtiges Recherche-Instrument, und das Kollegium verfügt daher auch über eine sehr gute technische Ausstattung. Nichtsdestotrotz fußt ein sehr wichtiger Teil der Recherche auf dem traditionellen Bibliotheksbestand. Die Präsenzbibliothek des Kollegiums ist übrigens 365 Tage im Jahr rund um die Uhr den im Haus wohnenden Gästen zugänglich, was zu unkonventionellen Arbeitszeiten führt, zumal die Bibliothek zur Zunft der „One-Person-Libraries“ gehört.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 10/2019.

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