Gabriele Diewald 12. September 2019 Logo_Initiative_print.png

Ein Aus­druck gesell­schaft­li­chen Wan­dels

Geschlech­ter­ge­rechte Spra­che

Die öffentliche Diskussion um geschlechtergerechte Sprache hat in jüngster Zeit eine beeindruckende Dynamik entfaltet und zu einer großen Spannbreite von Positionierungen geführt. Da sind einerseits diejenigen, die das Bemühen um geschlechtergerechte Sprache nur als „Gender-Unfug“ oder „Gender-Gaga“ zu erfassen in der Lage sind. Auf der anderen Seite wächst die Zahl von Menschen, die erkennen, dass der gesellschaftliche Fortschritt in Bezug auf Gleichberechtigung bzw. auf den Abbau der Privilegierung von Männern auch in der Sprache Ausdruck finden muss. Diese Erkenntnis speist sich auch aus der umfangreichen Forschung in zahlreichen Disziplinen, wie z. B. Linguistik, Psycholinguistik, Kognitionspsychologie, Erziehungswissenschaften, die keinen Zweifel daran lässt, dass die explizite sprachliche Repräsentation direkt mit kognitiver Repräsentation korreliert. Gleichberechtigte Nennung ist Ausdruck von und Anspruch auf Gleichstellung.

Anders als manche gerne behaupten, ist diese Debatte kein deutsches Phänomen. Es handelt sich um emanzipatorische Veränderungen in allen modernen Demokratien. Allen gemeinsam sind das Streben nach dem Abbau patriarchaler Strukturen und Machtverhältnisse und das Bemühen um eine angemessene Sprachkultur. Verschieden sind – je nach den Besonderheiten der Einzelsprachen und der gesellschaftlichen Systeme – die konkreten Wege der Umsetzung.

Die deutsche Sprache ist, wie alle anderen Sprachen auch, in einer langen, männlich dominierten Tradition geformt worden. Dies hat die Grammatik und den Wortschatz fundamental geprägt. Es stellt sich die Frage, in welcher Weise dieses System geschlechtergerecht verwendet werden kann. Und damit geht es um Sprachwandel, d. h. die Veränderung des Sprachgebrauchs und der Sprache mit der Zeit.

Sprachwandel ist keine Störung, kein Unfall, sondern ein notwendiger Prozess. Veränderungen in der Gesellschaft führen zu neuen Ausdrucksbedürfnissen. Neue materielle Dinge müssen benannt werden, z. B. durch Metaphern wie „Maus“ in der Bedeutung „Eingabegerät für den Computer“. Neue abstrakte Konzepte verlangen nach Versprachlichung: So ist der Ausdruck „Hirntod“ der sprachliche Niederschlag einer neuen Konzeptualisierung der Stadien des menschlichen Lebens durch die Medizin. Auch neue gesellschaftliche Ordnungen und veränderte kommunikative Praktiken verlangen nach passenden sprachlichen Ausdrucksformen. Dies sieht man deutlich am Aufkommen und Verschwinden von Titeln, Anredeformen und anderen Konventionen der Höflichkeit. Im universitären Kontext war es noch vor einigen Jahrzehnten geboten, die Person, die eine Fakultät leitet, mit „Spektabilis“ zu adressieren, ein Ausdruck, der heute in der jüngeren Generation kaum mehr bekannt ist.

Sprachwandel vollzieht sich im kommunikativen Austausch. Alle, die die Sprache verwenden, sind beteiligt – mehr oder weniger, je nach den sozialen, soziolinguistischen und politischen Verhältnissen. Auch die Bewusstheit, mit der ein Wandel wahrgenommen wird, ist verschieden. Sie reicht von Veränderungen, die fast unbemerkt vonstattengehen, wie z. B. der Ersatz unregelmäßiger Vergangenheitsformen wie „buk“ durch regelmäßige wie „backte“, zu Veränderungen, die lange und hitzig in der Sprachgemeinschaft diskutiert werden. Zu letzteren gehört die Anrede „Fräulein“, die im Lauf der 1970er und 1980er Jahre des letzten Jahrhunderts aufgrund entschiedener Ablehnung durch feministische Akteurinnen und nach intensiven öffentlichen Diskussionen als Standardanrede verschwunden ist.

Ob bewusst oder unbewusst, vollzogener Wandel lässt sich dann feststellen, wenn ein bestimmter Gebrauch eine gewisse Frequenz und Verbreitung erlangt hat, wenn er also für einen großen Teil der Sprachgemeinschaft zum gewohnten Bestand an Ausdrucksmöglichkeiten gehört.

Dies trifft für viele Formen geschlechtergerechter Sprache im Deutschen heute zu. Beidnennungen wie „Künstlerinnen und Künstler“ und Neutralisierungen durch Partizipien wie „die Studierenden“ oder Umschreibungen wie „künstlerisch tätige Personen“ sind im schriftlichen und mündlichen Gebrauch inzwischen üblich und weit verbreitet. Die relative Leichtigkeit der Verbreitung dieser Formen hängt damit zusammen, dass sie bereits vor ihrer bewussten Anwendung in der geschlechtergerechten Sprachpraxis reguläre Formen des Deutschen waren. Die Bildung von Femininformen mit dem Suffix „-in“ zur Bezeichnung von Frauen im Gegensatz zu Männern, z. B. „Wählerin“ versus „Wähler“, ist eine sehr alte Technik des Deutschen; Gleiches gilt für die Verwendung von substantivierten Partizipien zur Personenbezeichnung, wie „die Reisenden“, „die Lebenden (und die Toten)“, „die Vorsitzenden“, „die Vorgesetzten“ usw. Auch die Verwendung geschlechtsindifferenter Personenbezeichnungen, z. B. „Leute“ wie in „Kaufleute“, ist aus diesem Grund unauffällig und von den meisten leicht zu akzeptieren. Kurz: Geschlechtergerechter Sprachgebrauch kann zu einem großen Teil durch eine leicht veränderte Nutzung bereits vorhandener Formen und Mittel erzeugt werden. Durch diese niedrigschwelligen Veränderungen des Gebrauchs kann die Akzeptanz geschlechtergerechter Sprache weiter erhöht werden, da die häufig vorgebrachten Einwände der Inkorrektheit, Unverständlichkeit und ästhetischen Mangelhaftigkeit entfallen.

Wie gesellschaftlicher Wandel ist auch der Wandel des Sprachgebrauchs und der Sprache ein allmählicher und nicht zum Ende kommender Prozess. Ein endgültiges und abgeschlossenes Inventar „richtiger“ Formen kann es nicht geben.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 09/2019.

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