Simon Pearce & Behrang Samsami 4. Juli 2019 Logo_Initiative_print.png

Wenn das Lachen im Halse ste­cken bleibt

Simon Pearce über seine Erfah­run­gen als schwar­zer Schau­spie­ler und Kaba­ret­tist

„Mama die Weiße“, „Papa der Wilde“ oder „Mach Deine Nachteile zu Vorteilen“ – Die Titel aus Simon Pearce‘ Programm „Allein unter Schwarzen“ (2014) klingen allesamt autobiografisch wie ironisch. Pearce, Schauspieler, Synchronsprecher und Kabarettist, ist Sohn einer bayerischen Volksschauspielerin und eines Nigerianers. In Puchheim aufgewachsen, lebt Pearce in München und macht ein Kabarett, bei welchem dem Publikum nicht immer zum Lachen zumute sein kann – so etwa wenn er, wie im Stück „Pi-Pa-Polizei“, von seinen alles andere als guten Erfahrungen mit bayerischen Gesetzeshütern bei einer Verkehrskontrolle erzählt. „Humor ist das beste Mittel, um auf Rassismus und Intoleranz aufmerksam zu machen – und etwas in den Köpfen zu verändern“, schreibt Pearce im Jahr 2015 in einem Gastbeitrag für eine Münchner Tageszeitung. Behrang Samsami sprach mit Simon Pearce über seinen Weg zum Kabarett, über Schwarzsein im deutschen Fernsehen und seine Definition von Heimat.

Behrang Samsami: Herr Pearce, wie sind Sie zum Kabarett gekommen?
Simon Pearce: Ein Freund von mir hat in München eine Comedy-Show veranstaltet und mich gefragt, ob ich sie moderieren könnte. Da wurde ich von Thorsten Sievert von Constantin Entertainment entdeckt. Er hat mich in der Pause angesprochen und gesagt, dass ich das beruflich machen soll. „Nein, ich bin aber Schauspieler“, habe ich ihm geantwortet. Darauf meinte er: „Macht ja nichts. Das eine schließt das andere nicht aus. Schreib doch einfach mal eine Nummer und probier es auf der Bühne aus.“ So kam ich zum Kabarett. Ich hatte das natürlich vorher auch immer schon im Hinterkopf, weil ich die Menschen gern zum Lachen gebracht habe. Da ich mich aber nie getraut habe, war dieser Schubs von außen nötig.

Suchen Sie sich die Themen oder suchen die Themen Sie?
Das ist unterschiedlich. Viele Geschichten, die ich erzähle, sind Situationen aus meinem Leben, die einfach passieren. Die komödiantische Überhöhung mache ich dann noch draus. Aber ich suche natürlich und überlege mir etwas zu spezifischen Themen. Wenn ich an einem Programm arbeite, wie an „Pea(r)ce on Earth“ (2017), habe ich schon eine grobe Idee, was das Überthema sein soll. Aber trotzdem habe ich noch Geschichten im Hinterkopf oder in meinen Notizbüchern, die mich schon heimgesucht haben. Normalerweise kommen die Themen angeflogen. Es ist, wie Gerhard Polt gesagt hat: Er braucht nicht lange zu überlegen. Er hockt sich ins Wirtshaus raus und hört einfach den Leuten beim Reden zu. Dann kommen die Themen von ganz allein. Genauso ist es – man muss nur mit einigermaßen offenem Ohr durch die Gegend laufen.

Das Thema Schwarzsein in Bayern beziehungsweise in Deutschland spielt eine wichtige Rolle bei Ihnen.
Das war vor allem so in meinem ersten Programm „Allein unter Schwarzen“, weil ich halt schwarz bin, in Bayern lebe und natürlich viele Sachen deswegen passieren. Aber im zweiten Programm „Pea(r)ce on Earth“ wollte ich nicht nur darauf reduziert werden und bin davon etwas weggegangen, weil ich fast schon den Stempel darauf hatte.

Wie ist die Resonanz der Zuschauer?
Das Publikum reagiert teilweise doch ziemlich überrascht. Viele sagen, dass ihnen das Lachen im Halse stecken bleibt, weil sie das bisher gar nicht auf dem Schirm hatten, wie viel kleinen – und auch gröberen – Alltagsrassismus es bei uns gibt. Wenn du weiß bist und keine Freunde hast, die einen Migrationshintergrund haben, bekommst du das vielleicht tatsächlich gar nicht mit. Mein Programm war dann doch aufklärerischer, als ich dachte.

Das Erscheinungsbild von People of Colour im deutschen Fernsehen ist ambivalent. Es gibt Personen wie den Literaturkritiker Ijoma Mangold, die Schauspielerin Denise M‘Baye oder Kabarettisten wie Dave Davis und Sie. Andererseits gibt es Filme und Serien, die teilweise schon seit Jahrzehnten laufen, in denen People of Colour oft stumm sind oder kein Deutsch oder nur mit starkem Akzent sprechen. Sie üben Tätigkeiten aus wie Kellner oder Gehilfe und siezen Weiße, während sie von den Weißen selbst geduzt werden.
Natürlich ist das beschissen, aber es ist schon länger ein Thema. In jüngeren Formaten werden diese Klischees aufgeweicht und man geht langsam von Rollen wie Drogendealer oder Flüchtling weg. Ganz schlimm ist die Rolle als Bediensteter, wenn du die Weißen fast noch als Master anreden musst. Ich weiß nicht, was da los ist. Die Zuständigen beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen scheinen Angst zu haben, ihr Publikum zu überfordern. Gerade hier, wo man denkt: Ihr müsst die Köpfe doch irgendwie frei kriegen von den Klischees. Wenn Zuschauer nicht begreifen, dass ein Schwarzer in Deutschland einfach ein Arzt sein und Stefan Müller heißen kann, dann seid ihr dafür verantwortlich, ihnen das beizubringen. Ihr müsst euch nicht nach ihnen richten, dass sie befriedet mit dieser alten Kolonialdarstellungsweise in ihrer Welt weiterleben können. Das regt mich schon auf.

Haben Sie selbst erlebt, dass Sie eben nur bestimmte Rollen angeboten bekommen?
Ja, beispielsweise Drogendealer oder ein Opfer von rassistischen Übergriffen. Beim „Tatort“ spielte ich einmal eine Küchenhilfe. Bei „Sturm der Liebe“ war ich ein Abschiebeflüchtling, der im Hotel Fürstenhof bei der dort ansässigen Kapelle Kirchenasyl beantragt. Beim Tatort kam die Bitte: „Sprich mal so mit afrikanischem Akzent. Das wäre schön.“ Das ist absurd, weil es keinen „afrikanischen“ Akzent gibt. Ich habe das dennoch getan, weil ich ein 23-jähriger Jungschauspieler war. Aber warum sollte ich das können? Also erstens gibt es, wie gesagt, keinen „afrikanischen“ Akzent. Zweitens bin ich Deutscher und kann das nicht so abrufen.

Es gibt auch keinen „europäischen“ Akzent.
Ich habe genauso viel Berührungspunkte mit Afrika wie der Regisseur, der mich darum gebeten hat. Ich habe auch nie dort gelebt. Warum sollte ich diesen Akzent daher können? Es steht nirgendwo in meiner Vita als Fähigkeit – im Gegensatz zu Deutsch, Französisch und Englisch. Aber „Afrikanisch“ wird einfach vorausgesetzt. Wenn man es vorher zumindest mit mir absprechen würde, könnte man drüber reden. Aber es wird einfach davon ausgegangen, dass ich das kann.

Fatal und gefährlich diese Angst, die Zuschauer zu überfordern.
„Schwarze sind Quotengift“, habe ich auch schon mal gehört. Allerdings ist das fast zehn Jahre her. Es gab mal eine ganz interessante Fotostrecke. Auf einem absichtlich vergilbt aussehenden Schwarz-Weiß-Foto sieht man einen Schwarzen mit einem Tropenhelm, der vier Weiße an der Kette hat, die nur einen Lendenschurz tragen. Auf einem zweiten Foto ist dann eine schwarze Frau im Mittleren Westen der USA zu sehen. Sie sitzt in einer Küche – es sind die 1960er Jahre. Eine weiße Frau macht ihr die Finger, eine andere putzt und eine dritte kocht für sie. Das hat totales Unbehagen in einem ausgelöst, denn es war gegen die Sehgewohnheit. Diesen Aufnahmen gegenüber gestellt waren die Originale, also ein Weißer mit Tropenhelm und vier Schwarzen an der Kette. Das fühlte sich dann nicht so komisch an, weil man diese Bilder von früher kennt. Aber wie krass eigentlich, einmal zu spüren, wie falsch es ist, wenn man einfach die Farben tauscht oder die Herkunft auswechselt.

Wenn man das auf das deutsche Fernsehen übertragen würde …
Wenn es beispielsweise einen schwarzen Kapitän gebe, der einen weißen Kellner duzen und von diesem selbst gesiezt werden würde, hätten wir wahrscheinlich einen Riesenaufschrei.

Kommen wir zurück in die Realität. Was empfinden Sie als eine positive Entwicklung in den vergangenen Jahren in Deutschland?
Ich finde es sehr positiv, dass sich wieder mehr Menschen mit Politik auseinandersetzen, auf die Straße gehen und Geschlossenheit zeigen gegen den Aufschwung der extremen Parteien. Das ist ein positiver Effekt. Dass es in München die Wir-sind-mehr- oder Ausgehetzt-Demos gab, auf denen tausende Menschen unterwegs waren, finde ich gerade für Bayern ziemlich stark, weil es eigentlich so ein eingeschlafenes Ländchen ist. Es ist gut, dass die Menschen langsam den Mund aufmachen und nicht komplett ein- oder weiterschlafen.

„Heimat“ ist ein Thema, das „Politik & Kultur“ 2019 auf unterschiedliche Art immer wieder beschäftigt. Wie sieht Ihre Heimat aus?
Ich bin in Bayern zu Hause und habe meine Heimat, wo meine Menschen – meine Freunde – sind. In Köln fühle ich mich aber auch heimisch, obwohl ich dort nie gelebt habe. Der Heimatbegriff ist für mich allerdings ziemlich problematisch, weil er auch viel benutzt wird, um andere Menschen auszugrenzen und ihnen zu zeigen: Deswegen ist das hier nicht deine Heimat.

Wenn man sich Ihre Stücke ansieht, spielt „Heimat“ unterschwellig immer eine Rolle, weil der alltägliche Rassismus in ihnen präsent ist.
Ja, klar. Mir wird die Heimat ja auch immer abgesprochen. Die Debatte, die unter dem Twitter-Hashtag #vonhier in Deutschland geführt wird, habe ich auch in meinem Programm. Ich lese gern Face­book-Kommentare: „Wenn ich im Urlaub in Indonesien bin, werde ich auch gefragt, wo ich herkomme.“ Dieses Relativieren ist problematisch. Es ist natürlich nicht per se rassistisch, wenn mich jemand fragt: „Wo kommst du eigentlich her?“. Für mich ist es erst einmal Interesse. Aber wenn dir deine eigene Heimat, deine Zugehörigkeit zu Bayern
oder zu Deutschland abgesprochen wird, weil die Menschen dir nicht glauben und fragen „Ja, aber wo kommst du denn eigentlich her?“, ist das mehr als belastend. Dennoch mache ich natürlich weiter, denn ich will auch die Letzten erreichen und ihr Bewusstsein schärfen.

Vielen Dank.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 07-08/2019.

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