Jörg F. Maas 27. Mai 2019 Logo_Initiative_print.png

(Vor-)Lesen für alle

Der Königs­weg der Sprach­för­de­rung

Vorlesen ist die beste Sprachförderung. Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, haben einen messbar größeren Wortschatz und bessere Noten als andere, nicht nur in Deutsch. Aber Studien zeigen: In fast jeder dritten Familie gehört das Vorlesen nicht zum Alltag. Und jeder fünfte Viertklässler erreicht beim Lesen nicht die Kompetenzstufe, die es braucht, um einen Text auch zu verstehen.

Rechnerisch sind das weit mehr als 100.000 Kinder – pro Jahrgang, denn auch Untersuchungen zu anderen Altersgruppen kommen regelmäßig zu ähnlichen Ergebnissen. Gerade erst ist die neue LEO-Grundbildungsstudie erschienen: Immer noch können mehr als sechs Millionen Erwachsene maximal einzelne Wörter und Sätze, aber keine ganzen Texte lesen und erfassen, mit allen Konsequenzen für die persönliche Entwicklung der betroffenen Menschen, von den gesellschaftlichen Folgen ganz zu schweigen.

Deutsche Grundschüler haben im internationalen Vergleich zuletzt sogar schlechter abgeschnitten als noch einige Jahre zuvor, die Leistungsunterschiede und Bedeutung der sozialen Herkunft nehmen zu. In keinem Land ist der Vorsprung von Kindern aus Familien mit mehr als 100 Büchern im Haushalt größer als in Deutschland. Er beträgt mehr als ein Lernjahr.

Da passt es ins Bild, dass der Buchhandel im Sommer 2018 Alarm schlug: Millionen Käufer seien der Branche in den letzten Jahren verloren gegangen. Steht uns die wahre Erosion des Bildungsstandorts – und der Kulturnation – also erst bevor? Eine solche Prognose fügt sich nahtlos ein in die großen gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Diskurse der Zeit. Ob Lesekompetenz, Digitalisierung oder E-Mobilität – Deutschland verliert den Anschluss.

Diese Nahtlosigkeit macht aber auch misstrauisch. Kulturpessismismus hat in Deutschland bekanntermaßen Tradition. Im Kaiserreich führte die Wucht der Veränderungen nach Joachim Radkau zu einem „Zeitalter der Nervosität“. Gerade erst hat Frank Biess die westdeutsche Nachkriegsgeschichte unter dem Titel „Republik der Angst“ erzählt, voller Beispiele für die international schon länger diagnostizierte „German Angst“.

Nur ist Angst kein guter Ratgeber. Vielleicht droht nicht unausweichlich der Untergang des Abendlandes, sondern liegt einfach die Leseförderung im Argen. Es lohnt sich, die eingangs erwähnte Grundschul-Lese-Untersuchung IGLU etwas genauer zu lesen. Auf Seite 280 heißt es darin: „Gefragt, wie viel Zeit sie in einer normalen Schulwoche speziell für Leseunterricht und/oder Leseaktivitäten der Schülerinnen und Schüler verwenden, geben die Lehrkräfte im Mittel drei Schulstunden an“ und „Umgerechnet auf das Schuljahr ergeben sich, absolut betrachtet, etwa 90 Stunden für expliziten Leseunterricht, auch über Fächergrenzen hinweg. Der internationale Mittelwert liegt weit darüber, nämlich bei knapp 160 Stunden.“

Hat der PISA-Schock vor bald 20 Jahren Deutschland nicht wachgerüttelt und sind wir laut Angela Merkel nicht seit über zehn Jahren auf dem Weg zur „Bildungsrepublik“? Was wir brauchen, sind keine weiteren medialen Aufschreie oder Lippenbekenntnisse zum Stellenwert von Bildung. Nötig ist ein von Bund und Ländern koordinierter Lesepakt, der die Sprach-, Lese- und Medienkompetenzförderung in Deutschland kurzfristig, aber nachhaltig stärkt – ohne gedruckte und digitale Angebote gegeneinander auszuspielen.

Die Maßnahmen dürfen nicht erst bei den Lehrplänen und in der Unterrichtspraxis ansetzen, sondern müssen bereits die Vorschule und Familie in den Blick nehmen. Mittlerweile gibt es ein Bundesprogramm namens „Sprach-Kitas“ und vom Buchhandel und den Bibliotheken ausgezeichnete Buchkindergärten. Beides ist wichtig, aber: Bis 2016 gab es etwas mehr als 3.400 Sprach-Kitas, bei rund 50.000 Einrichtungen bundesweit. Auf der Webseite des Programms heißt es: „Mit der Anhebung der Mittel ab 2017 (…) können insgesamt rund 7.000 zusätzliche halbe Fachkraftstellen in Kitas und in der Fachberatung geschaffen werden.“ Das ist mehr als ein Tropfen, wird den heißen Stein jedoch nicht dauerhaft kühlen, zumal die Fachkräfte nicht auf den Bäumen wachsen.

Auch die Inhalte einer „gepflegten Kindergarten-Bücherei“ – eins der Kriterien für das Gütesiegel Buchkindergarten – müssen am Ende vorgelesen werden. Zum Glück boomen in Deutschland individuelles Ehrenamt und Corporate Social Responsibility. Allein der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller koordiniert mittlerweile mehr als 2.200 Lese- und Lernpaten in der Hauptstadt. Er musste sich aber auch schon aus Einrichtungen zurückziehen, um dort tätig zu sein, wo die Not am größten ist. Vielleicht ist es an der Zeit, gesellschaftliches Engagement flächendeckend zu erleichtern, z. B. durch eine staatlich geförderte und allen Arbeitnehmern zugängliche Freistellung. Das entlastet die Unternehmen, die sich bereits jetzt engagieren, und nimmt die anderen in die Pflicht. Und es überbrückt die Zeit, bis die Maßnahmen zur Stärkung des Erzieherberufs in Neueinstellungen münden und neue Lehrpläne die Unterrichtspraxis ändern.

Vorlesen ist der Königsweg bei der Sprach- und Leseförderung, sind sich Pädagogen und Wissenschaftler einig, und es ist im besten Sinne niedrigschwellig für alle Beteiligten. Die Stiftung Lesen fordert, dass jedem Kind am besten täglich mindestens 15 Minuten vorgelesen wird. In Zeiten des Fachkräftemangels ist es ein ebenso wichtiges Ziel, dass jeder Erwachsene zum Vorleser wird, ob für die eigenen Kinder oder die in der Nachbarschaft. Denn das Zeitalter der Digitalisierung bleibt mehr denn je auch ein Zeitalter des Lesens, in allen Medien, unabhängig von der Entwicklung am Buchmarkt. Jedes Kind in Deutschland verdient es, darauf vorbereitet zu werden, mit mehr (Vor-)Lesezeit daheim, in der Kita und in der Schule. Wenn alle mitwirken, ist kurzfristig Veränderung möglich, mit nachhaltigem Effekt.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 06/2019.

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