Stefan Rhein 24. Mai 2019 Logo_Initiative_print.png

Sprach­fä­hig­keit, Mün­dig­keit und Teil­habe

Die Bedeu­tung der Luther’schen Bibel­über­set­zung für Iden­ti­tät und Inte­gra­tion

„Mord an Luther“ diagnostizierte Walter Jens, als die revidierte Fassung des deutschen Bibeltextes 1975 auf den Markt kam. Der Tübinger Rhetorikprofessor, würde er noch leben, hätte heute hingegen Grund zur Freude, da die Lutherbibel in ihrer Fassung von 2017 die früheren revisionistischen Eingriffe möglichst umfassend tilgte und sich so weit als möglich – d. h. verständlich – der ursprünglichen Übersetzung näherte. Diese wurde von Friedrich Nietzsche als „bisher das beste deutsche Buch“ beurteilt, eben bis er selbst, so der selbstgestellte Anspruch, mit seinem „Zarathustra“ diesen Platz einnehmen wollte. Dass das Erscheinen der Bibelübersetzung Luthers im September 1522 eine zentrale Etappe in der deutschen Sprachgeschichte darstellt, ist unbestritten und wird gern mit der Fülle der von Luther geprägten Wörter und Wendungen mehr illustriert als belegt: von „Denkzettel“ bis „Lockvogel“, von „Lückenbüßer“ bis „Richtschnur“, von „Perlen vor die Säue werfen“ bis zum „Wolf im Schafspelz“, von „mit Feuereifer dabei sein“ bis „sein Licht nicht unter den Scheffel stellen“. 1975 wurde übrigens das Getreidemaß Scheffel durch Eimer ersetzt, was dieser Bibelausgabe den Titel „Eimertestament“ einbrachte und sie vollends diskreditierte. Jetzt hingegen heißt es „Mehr Luther“, da die neue überarbeitete Lutherbibel sich über 15.000 Mal für den alten Luthertext und gegen die Revision entscheidet, immer mit dem Anspruch, neben der Richtigkeit auch die Poesie der lutherischen Sprache zu erhalten. Die heute außeralltägliche klangvolle Sprache Luthers mag Sprachästheten begeistern, doch ein kulturpolitisches Projekt scheint sie kaum begründen zu können. Hier kommt Luthers Impuls zur Übersetzung ins Spiel, da er nicht als Linguist oder Poet, so sehr er selbst auch virtuo­ser Sprachkünstler war, die Bibel übersetzte, sondern als rebellischer Gesellschaftsreformer, der Wahrheit potenziell allen verfügbar machen wollte, um so das Interpretationsmonopol selbst ernannter Spezialisten durch allgemeinen Zugriff auf die Texte zu unterlaufen.

Zugrunde liegt das Konzept des „Priestertums aller Gläubigen“, das den Unterschied von Priester und Laie aufhebt und alle zum mündigen Sprechen ermächtigt. Mancher musste dies schon damals mit Gefängnis bezahlen, etwa als um 1524 ein Zuhörer die Marienpredigt eines Priesters unterbrach, nach der biblischen Grundlage der Ausführungen fragte und, statt eine Antwort zu bekommen, abgeführt wurde. Seit Luther ist übrigens der Gemeinde auch die Möglichkeit zum Singen gegeben, was vor der Reformation den Chören vorbehalten war, bis die neuen volkssprachlichen Lieder zur aktiven Mitwirkung einluden. Der Gesang aller wurde von manchem als Gefahr gesehen, etwa von einem Bürgermeister in Lemgo, der seinen Stadtdiener in die Kirche schicken ließ und auf dessen Auskunft: „Herr Bürgermeister, sie singen alle“, erschüttert ausrief: „Ei, alles verloren!“

Ein Nachdenken über die Präsenz und Wirkung von Luthers Bibelübersetzung wird deshalb seinen Fokus nicht nur auf die Sprache richten, etwa auf ihre Bedeutung für Identität und Integration, sondern auch auf das Sprechen und damit auf die Sprachfähigkeit, auf Mündigkeit und Teilhabe. Dann könnte das „beste deutsche Buch“ auch heute eine Debatte initiieren, die gegen Fake News auf den, auch bildungspolitischen, Idealen einer „redaktionellen Gesellschaft“ – einer Utopie des Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen – insistiert.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 05/2019.

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