Barbara Thiele & Theresa Brüheim 5. November 2018 Logo_Initiative_print.png

Jewish Pla­ces

Jüdi­sches Leben in Deutsch­land

Im September ist die neue Online-Plattform Jewish Places des Jüdischen Museums Berlin (JMB) gestartet. Die erste interaktive Karte zu jüdischem Leben in Deutschland richtet den Blick auf Mikrogeschichte. So erfahren Nutzerinnen und Nutzer, dass jüdisches Leben ein integraler Bestandteil der Umgebung und somit der eigenen Geschichte ist. Damit soll die Wertschätzung und das Verständnis gegenüber der Vielfältigkeit in der deutschen Gesellschaft erhöht werden.

Theresa Brüheim: Frau Thiele, Sie sind zuständig für Jewish Places. Was verbirgt sich dahinter?
Barbara Thiele: Heute sind Orte, an denen jüdisches Leben stattfand, oft nicht mehr als solche zu erkennen. Damit gerät das Wissen über jüdisches Leben in Deutschland zunehmend in Vergessenheit. Unsere Idee und unser Ziel sind es, das Material über jüdisches Leben aus ganz Deutschland zusammenzutragen, zu visualisieren und allen Menschen frei verfügbar zu machen. Für alle Menschen bedeutet auch, dass wir ein großes Augenmerk auf den barrierefreien Zugang richten.

Wie kamen Sie auf die Idee?
Im Netz gibt es schon viele Webseiten von unterschiedlichen Institutionen, die ein enorm großes Wissen zu jüdischem Leben in Deutschland versammeln. Wir wollten diese Informationen auf einer Plattform bündeln und Jewish Places als visuell attraktives und leicht zugängliches zentrales Eingangsportal etablieren, das mithilfe eines topografischen Ansatzes einer breiten Öffentlichkeit umfangreiche Informationen zu jüdischem Leben in Deutschland bietet. Zugleich fördern wir damit die Sichtbarkeit der vorhandenen Seiten, da wir auf sie verweisen und verlinken. So ist ein bundesweites Kooperationsprojekt entstanden.
Dabei haben wir uns an vier Kategorien orientiert, anhand derer die Nutzerinnen und Nutzer sich auf der Webseite bewegen können. Unter der Rubrik Orte zeigen wir alle größeren und kleineren Städte, Dörfer, Gemeinden etc., wo jüdisches Leben stattfand und immer noch bzw. wieder stattfindet. Zudem haben wir säkulare und religiöse Einrichtungen gelistet, wie z. B. jüdische Vereine, soziale Einrichtungen oder Synagogen. Von Experten erarbeitete Biografien von jüdischen Persönlichkeiten und Spaziergänge, die an jüdische Orte in der eigenen Stadt führen, helfen Einsteigern, Bezüge zur jüdischen Lokalgeschichte zu finden. Aktuell haben wir 17 Biografien und acht Spaziergänge auf der Webseite. Unser Ziel ist es, in beiden Kategorien ca. 100 auf Jewish Places zu zeigen.

Jewish Places gibt Einblick in jüdische Geschichte, will aber auch Geschichten über jüdisches Leben erzählen. Wieso ist das wichtig?
Bei Jewish Places haben wir unser Augenmerk auf Mikrogeschichte gelegt, weil wir zeigen wollen, dass Orte und Personen jüdischen Lebens zur unmittelbaren Umgebung gehören. User von Jewish Places sollen erkennen, dass jüdisches Leben immer Teil der eigenen Geschichte ist: Das erreichen wir z. B. dadurch, dass man sieht, im eigenen Haus, in meiner Wohnung hat früher eine jüdische Familie gelebt. Das Restaurant hier unten ist jüdisch. Die Fabrik, in der mein Fahrrad hergestellt wurde, wurde vor langer Zeit von einem jüdischen Geschäftsmann gegründet … Wir wollen verdeutlichen, dass jüdisches und nicht-jüdisches Leben immer miteinander verwoben war und ist. Wir hoffen, mit diesem Wissen zu einem Normalisierungsprozess beizutragen und Toleranz zu fördern. Jewish Places ist somit auch ein Tool gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit.

Haben Sie eine Lieblingsmikrogeschichte?
Eine Geschichte, die ich toll finde, ist die Biografie des neoorthodoxen Rabbiners Leo Trepp. Die Biografie wurde von seiner Frau Gunda Trepp geschrieben. Auf der interaktiven Karte sieht man, dass Leo Trepp an unterschiedlichen Orten und Städten gelebt hat. Er wurde 1913 in Mainz geboren. Dort verbrachte er seine Kindheit. Wir sehen auf der Karte, dass Trepp später in Frankfurt lebte, wo er häufiger mit dem zutage tretenden Antisemitismus konfrontiert wurde. 1930 entschied er sich an der Uni Frankfurt Französisch und Philosophie zu studieren und begann ein Studium an der Höheren Jüdischen Akademie. Dort kam er zum ersten Mal mit der Neo-Orthodoxie, die er später vertrat, in Berührung. Gleichzeitig merkt er: Es gibt immer mehr Antisemitismus. Er ging dann nach Würzburg, wo er promovierte. In diesem Fall ist bemerkenswert, dass sein Doktorvater, Adalbert Hämel, selbst Mitglied der SA war. Aber er hat Trepp bis zuletzt durch die Promotion geleitet. Danach nahm Trepp in Oldenburg die Stelle des Landesrabbiners an und ist damit der letzte Rabbiner, der unter der Naziherrschaft ordiniert wurde. Beim Novemberpogrom 1938 wurde er ins KZ Sachsenhausen verschleppt; wurde aber durch Kontakte wieder freigelassen – unter der Auflage, Deutschland innerhalb von zwei Wochen zu verlassen. Zurück in Oldenburg organisierte er in seinen letzten Tagen Kindertransporte. Dann immigrierte er in die USA. 1954 kehrte Trepp nach Hamburg zurück und setzte sich für einen Dialog zwischen den drei monotheistischen Religionen ein. Er war überzeugt, dass nur Aufklärung über das Judentum gegen Antisemitismus hilft. Bis zu seinem Tod 2010 hat er dafür gekämpft. Da überschneidet sich die Idee von Jewish Places schön mit den Idealen von Leo Trepp, denn wir wollen genau das Gleiche erreichen. Gerade die Jugendlichen müssen wir besser darüber aufklären, was das Judentum ist, damit sie jüdisches Leben kennenlernen und so erst gar kein Antisemitismus entsteht. Die junge Generation ist eine sehr wichtige Zielgruppe von Jewish Places.
Kurz vor dem Launch von Jewish Places am 13. September 2018 haben wir ein Pilotprojekt mit einer Schule in Oldenburg gestartet. In einem Drei-Tage-Workshop wurde erarbeitet, was das Judentum ist. Dann sind die jungen Schülerinnen und Schüler an verschiedene Orte in Oldenburg gegangen und haben zur jüdischen Geschichte ihrer Stadt recherchiert. Das hatte eine große Wirkung, viele Jugendliche sagten: »Mann, ich bin hier immer in diesem Café. Ich wusste überhaupt nicht, dass es mal jüdisch war.« Mit diesen Jugendlichen haben wir 15 neue Einträge produziert. Sie lernten etwas über jüdisches Leben, die eigene Stadtgeschichte und praktizierten in der Schule den Umgang mit digitalen Medien.

Sie sprechen das Kernelement von Jewish Places an: die Interaktivität. Wieso braucht es diese?
Wie erwähnt, ist Jewish Places ein Kooperationsprojekt aus verschiedensten wissenschaftlichen und kulturellen Bildungseinrichtungen sowie Gedächtnisorganisationen. Das Innovative von Jewish Places ist die Öffnung nach Außen. User können selbst Einträge vervollständigen, eigene Inhalte hinzufügen sowie Fotos und Filme hochladen. Diese werden sofort als User-generated content auf der Webseite veröffentlicht – ähnlich wie bei Wikipedia. Jewish Places beruht auf der Idee von „Citizen Science“: Expertenwissen außerhalb von Museen und Bildungseinrichtungen ergänzt die klassische Museumsarbeit. Wir als bundesunmittelbare Stiftung sehen es als unseren Auftrag, die Infrastruktur zur Wissensvermittlung zu stellen. Jetzt aber benötigen wir die Mithilfe Vieler, die wir miteinander vernetzen wollen, um die Plattform zu füllen. Beim Launch hatten wir 8.500 Daten. Seitdem konnten wir schon 5.000 Besucher auf der Webseite begrüßen. Rund 200 aktive angemeldete User sind bereits Teil der Jewish Places-Community. Von ihnen wurden bereits 300 Beiträge bearbeitet oder neu hinzugefügt. Wir bekommen viele E-Mails, in denen uns Leute neue Biografien vorschlagen oder andere wertvolle Hinweise zur Kooperation geben. Insofern sind unsere Erwartungen aktuell übertroffen worden.

Wurde diese Interaktivität schon mal missbraucht?
Nein, bisher nicht. Wir haben zwei Kollegen, die für Jewish Places zuständig sind. Unter anderem prüfen sie, ob diskriminierende Inhalte veröffentlicht wurden, und können solche sofort von der Seite nehmen. Aber wir setzen vornehmlich auf die Kontrolle aus der Community. Nutzer können ein Problem melden oder die Löschung beantragen. Das kennt man ja z.B. auch von YouTube.

Vielen Dank.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 6/2018.

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Adresse: https://www.kulturelle-integration.de/2018/11/05/jewish-places/